Vom Couchpotatoe zum Ultramarathoni

Wow .. wo fange ich an?

Am besten starte ich ganz am Anfang. Noch vor 3 Jahren bestand mein Alltag darin, mich von der Arbeit auf die Couch zu schleppen und dort die Beine hochzulegen – kein Sport und schlechte Ernährung taten ihr übriges. Sodass ich im April 2015 von einem auf den anderen Tag beschloss mein Leben gründlich zu ändern. Mit einem stattlichen Kampfgewicht von 110 kg bei einer Körpergröße von 165 cm startete ich meinen Weg – einen Weg der mich letztendlich zum Karwendelmarsch gebracht hat. Ich krempelte meine Ernährung um und startete mit dem Sportprogramm und verlor mit viel Disziplin fast 50 kg in nur 11 Monaten – Nie im Leben habe ich damit gerechnet auch nur 3 Jahre später meinen ersten Ultramarathon zu finishen. Den Karwendelmarsch 2018!

Nachdem ich 2017 eher zufällig von diesem tollen Event erfahren habe stand für mich sofort fest. „Da möchte ich nächstes Jahr dabei sein“ Ich notierte mir die Eröffnung der Anmeldung rot im Kalender um mich sofort anzumelden. Mit einem „Klick“ war das dann auch schnell passiert und die Vorfreude steig schon im Dezember aufs unermessliche. Im März startete ich mit dem Training für meinen ersten Ultramarathon in der Disziplin „Karwendellauf für 52km“.

Plötzlich war es dann da – Das Eventwochenende!

Schon am Freitag Mittag machen wir uns auf den Weg nach Scharnitz um meine Startunterlagen abzuholen. In Begleitung meines Liebsten war das dann auch schnell getan und wir beschlossen unser Quartier für die Nacht anzusteuern und uns unterwegs noch Abendessen zu Organisieren.

Es geht los…

Es ist Samstag 25. August 2018, 4.00 Uhr, mein Wecker klingelt. Ich springe aus dem Bett und bin sofort hellwach. Meine Nacht war erstaunlich ruhig und sehr erholsam, so wie ich es vor einem Event eigentlich nicht gewohnt bin.
Das Frühstück fällt mau aus. In der Pension gibt es Frühstück von 8-10 Uhr, das heißt ich esse mein Toast mit Schokoaufstrich auf dem Zimmer. Ich ziehe mir in Ruhe mein Laufoutfit an, dass ich mir schon am Vorabend herausgelegt hatte. Aufgrund der „interessanten Wettervorhersage“ bin ich verunsichert denke aber, dass ich mich richtig entschieden habe. Der Laufrucksack steht schon gepackt neben dem Bett, alles wichtige haben wir gestern eingepackt und überlegt, ob es wirklich notwendig ist oder nicht – um unnötigen Balast zu sparen.

Mittlerweile ist es  kurz nach 5 Uhr, es ist Stockdunkel und regnet noch leicht – wir steigen langsam ins Auto und fahren Richtung Scharnitz und merken schnell: Aus unserem Plan, gemeinsam bis zum Startbereich zu gehen wird nichts. Scharnitz ist ein einziges Verkehrschaos! Wir beschließen, dass ich alleine gehe. Schnell noch einen Abschiedskuss und ich schleiche den anderen Läufern und Wanderen hinterher in Richtung Startbereich.
Der Startbereich ist bereits jetzt ziemlich voll, alle unterhalten sich, machen Fotos oder versuchen die letzten Dinge in Ihren Rucksäcken zu verstauen. Ich überlege nochmal die Toilette aufzusuchen, sehe dann aber die Schlage und überlege es mir anders. Hätte sich ja ohnehin nicht gelohnt, die paar Tröpfchen.
Gegen 5:50 Uhr begebe ich mich langsam in den Kanal, der in den Startbereich der Läufer führt und reihe mich zwischen vielen anderen Gleichgesinnten ein. Es nieselt, ist aber nicht unangenehm kalt. Der Startschuss fällt um Punkt 6 Uhr und wir traben langsam los.

Mein Plan: Spaß haben, genießen und mit einem Lächeln ins Ziel einlaufen! – keine Zielzeit!

Schon nach einigen hundert Metern geht es leicht bergan und die ersten gehen schon. Ich drossle das Tempo und schraube mich den kleinen Anstieg nach oben. Langsam erkennt man mehr, die Berge, gehüllt in Wolken – es dämmert.
Ich laufe entspannt entlang des schönen Karwendelbachs der uns einige Kilometer in dieses schöne Tal führt und bewundere die Schönheit der Natur. Nach der ersten Labestation geht es weiter bevor der erste größere Anstieg grüßt. Ich schraube mich hoch zum Karwendelhaus, hinein in die Nebelsuppe.
Was von unten so schön und mystisch aussah ist jetzt gar nicht mehr so toll – es ist kalt und nass! Deswegen schütte ich mir am Verpflegungspunkt schnell einen Tee rein, esse ein Stück Banane, werfe die Regenjacke drüber und laufe weiter. Der erste langgezogene Downhill zum kleinen Ahornboden. Raus aus dem Nebel! Bereits jetzt kann man viele Läufer mit aufgeschlagenen Knien sehen. Durch den Regen ist es matschig und rutschig auf den Wegen.
Völligst entspannt komme ich bei der nächsten Verpflegungsstelle an und gönne mir einen Keks, Holundersaft und Wasser. Und weiter gehts in den nächsten Aufstieg Richtung Falkenhütte. Die ersten Kilometer sind entspannt und gestalten sich als weniger anspruchsvoll bis sich der Anstieg plötzlich hebt und die Forststraße unfassbar steil wird. Mithilfe meiner Stöcke bezwinge ich diesen natürlich auch, schnaufend und keuchend. Ein Helfer der Labestation an der Falkenhütte kommt auf mich zu und fragt, wie es mir geht und ob er mir etwas Gutes tun kann – schon habe ich Wasser, Tee und Holundersaft in der Hand. Ein großes Banner verrät: „30,2 km schon gelaufen, 21,8 km noch zu laufen“. Für den nächsten Downhill nehme ich mir noch eines der leckeren Käsebrote mit Schinken mit und gebe bergab nochmal etwas Gas.

Entlang der imposanten Felswand und der Lalidererspitze geht es wieder leicht bergan bis uns die nächste Bergabpassage direkt in die Eng bringt. Dort wartet mein Liebster auf mich – das beflügelt und motiviert. Er sitzt für mich gut sichtbar mit seiner Kamera am Hang und begrüßt mich mit einigen Fotos. Ich bleibe stehen, umarme ihn kurz und hüpfte weiter zur Engalm – dem Ziel der 35 km Distanz.
Nach dem langen Bergablaufen sehne ich mich nach dem nächsten Anstieg der alle Teilnehmer der 52 km Distanz direkt über die Binsalm auf den Gramaisattel bringt. Kurz unter dem Sattel wird es wieder richtig Steil und Rutschig! Oben angekommen begrüßen mich gut gelaunte Helfer mit meinem Vornamen. Nach einem kurzen Plausch rutsche ich dann aber weiter zur nächsten Verpflegungsstelle, etwas unterhalb des Sattels. Auch hier wird man herzlichst begrüßt.

Noch 12 Kilometer, dann ist es geschafft. Witzig, meine Beine fühlen sich so garnicht nach „fast Marathon“ an. Noch schnell ein Käsebrot für den Downhill und ab geht die Post. Die nächsten 2,5 km in etwa genauso steil wie der Aufstieg gerade und ebenfalls sehr matschig.

Als es flacher wird entdecke ich das Schild „Noch 9 Kilometer“ am Wegesrand und freue mich ein bisschen – ich freue mich jetzt schon auf den Zieleinlauf und auf meinen Liebsten, der natürlich auch im Ziel auf mich wartet. Ab jetzt läuft es einfach und ich lasse meine Beine locker rollen. Ab dem Schild „Noch 5 Kilometer“ steigt die Anzahl der Zuschauer an der Strecke deutlich und immer wieder werden wir bejubelt und angefeuert.

Noch 2 Kilometer. Eine Frau am Streckenrand – die mir entgegenkommt – bleibt stehen, verbeugt sich, zieht ihren imaginären Hut und ruft mir Glückwünsche zu meiner Leistung zu. Ich kämpfe mit den Tränen, denn ich begreife jetzt langsam, was ich tue. Ich muss weiter! In Pertisau steigt die Zahl der Zuschauer nochmals deutlich an – von überall hört man Rufe und Geklatsche. Ehe ich mich versehe laufe ich in den Zielkanal, mit breitem Lachen vorbei an meinem Liebesten, der dort wieder mit der Kamera lauerte, durchs große Zieltor. Ich höre meinen Namen und bekomme eine Medalie um den Hals gehangen. Ich drehe mich um und schaue auf die Zeitanzeige. 7:14:36 Stunden – damit habe ich im Leben nicht gerechnet, denn den Blick auf die Laufuhr habe ich mir unterwegs gespart. Ja! und jetzt laufen die Tränen, sodass ich kurzzeitig kaum Luft bekomme und ich kann es kaum fassen!
Ich habe es wirklich geschafft  und es war absolut großartig!

Mein erster Ultratrailmarathon ist Geschichte – eine wundervolle Geschichte mit Wiederholungsbedarf! Hätte man mir das vor 3 Jahren erzählt hätte ich denjenigen definitiv für Verrückt erklärt….

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