Karwendelmarsch: mein erster Ultra

Weiterlaufen oder aufhören? Ich befinde mich an der Verpflegungsstelle in Eng, wo sich zudem das Ziel der 35 km-Wertung befindet, und bin zwiegespalten. Hier könnte ich aufhören und die Quälerei bei mittlerweile sehr heißen Temperaturen hätte ein Ende. Aber damit auch die Vorstellung, meinen ersten Ultramarathon zu finishen. Ich horche in mich hinein, während ich mir zwei Becher Wasser nehme und gierig austrinke. Noch 17 km, in etwa die Hälfte der bisher absolvierten Wegstrecke. Ich pack das schon, rede ich mir zu und laufe schließlich weiter. Direkt in den nächsten Anstieg hinein. Die erbarmungslose Hitze entzieht mir sämtliche Energie. Dazu wird mir übel. Ob das so eine gute Idee war, den Lauf fortzusetzen? Ich bin mir ganz und gar nicht sicher.
Ich nehme am Karwendelmarsch teil, der über 52 km und 2230 Hm von Scharnitz nach Pertisau führt. Es ist mein erster Ultramarathon und dementsprechend nervös bin ich. Schlaf finde ich keinen und döse nur. Aber statt mich darüber zu ärgern, erinnere ich mich daran, dass ein gewisser Triathlon-Olympiasieger von 2008 in der Nacht vor seinem großen Coup auch kaum Schlaf fand. Na also, Schlafentzug vor einem Wettkampf muss nicht unbedingt schlecht sein.
Irgendwann nervt mich das Hin- und Hergedrehe im Bett dann doch und ich stehe auf, um etwas Sinnvolles zu tun: Ich rasiere mich. Nachts um halb drei. Kann man ja mal machen. Dann ist es bald auch schon drei Uhr, drei Stunden vor dem Start, und ich gehe hinunter in den Frühstücksraum. Mein Appetit hält sich in Grenzen, dennoch zwinge ich mich dazu, etwas zu essen.
Die Vorstellung, nach dem Frühstück noch etwas Schlaf zu finden, gebe ich dann auch bald auf und so mache mich für den Lauf fertig. Um fünf Uhr werden zwei weitere Mitstreiter und ich schließlich von Organisator Markus Tschoner abgeholt und nach Scharnitz gebracht, wo der Karwendelmarsch startet.

Ein Kanonenschuss treibt die Meute hinaus
Es ist noch dunkel als wir eintreffen. Eine angespannte, aber erwartungsfrohe Stimmung ist überall um mich herum zu spüren. Am Start blicke ich in andere Gesichter und schaue in Richtung Berge. Ganz leicht lässt sich dahinter die Sonne erkennen. Später soll sie heiß auf uns herunterbrennen. Viele der Teilnehmer werden noch vor der großen Hitze das Ziel in Pertisau erreichen, der Großteil aber wird sich dann im letzten Drittel des Laufs befinden.

Dann ertönt schließlich ein lauter Kanonenschuss – ich muss bizzarerweise an den Ironman Hawaii denken -, die Masse bewegt sich und verlässt kurz darauf Scharnitz. Zunächst nehmen wir auf breitem Schotterweg den ersten Anstieg in Angriff, der uns bald in den Wald führt. Nach einigen Höhenmetern treten wir aus dem Gehölz heraus und durchstreifen eine wunderschöne Hochebene, die von der imposanten Gebirgslandschaft eingerahmt ist. Sanfter Bodennebel umgibt uns Läufer. Die Szene hat etwas Mystisches.

Ich passiere bei km 10 die Verpflegungsstelle am Schafstallboden und gelange kurz darauf zum ersten längeren Anstieg. Nach einigen Kurven erreiche ich den Hochalmsattel auf 1770 m und kann rechter Hand das Karwendelhaus sehen.

Es läuft

Nach 18 km habe ich den Anstieg geschafft, verpflege mich an der Labestation und freue mich nun auf einen großartigen Downhill. Der Schotterpfad schlängelt sich wild bergab und so erreiche ich 5 km später den kleinen Ahornboden, der auf einer Höhe von 1399 m liegt und von der weithin bekannten Birkkarspitze überragt wird. Knapp 25 km habe ich zu diesem Zeitpunkt in den Beinen und fühle mich gut. Ich lächle während ich mir an der Verpflegungsstelle eine Banane in den Mund schiebe und auf das gigantische Bergpanorama blicke. Meine Mutter spricht bei schönen Tagen immer von einem „Dankbar-Tag“. Ich verstehe, was sie damit meint.

Anschließend überquere ich ein ausgetrocknetes Bachbett und folge einem schmalen Waldpfad. Kurz darauf folgt der zweite lange Anstieg, der zwischenzeitlich so steil ist, dass ich nur gehen kann.

Meine Lunge brennt und der Schweiß läuft an mir hinab. Die Sonne knallt mittlerweile aber auch brutal auf uns herunter. Allmählich spüre ich die Belastung ganz ordentlich und hoffe, dass der Anstieg bald geschafft ist. Dann erreiche ich schließlich die Falkenhütte (km 30) auf 1848 m und versorge mich mit Wasser, einer Banane und Wurstbrötchen.

Die Welt ist klein

Ich will gerade weiterlaufen, als ich plötzlich meinen Namen rufen höre. Von der Falkenhütte winkt mir eine Person entgegen und ich erkenne Matthias, meinen Großgroßcousin (oder so ähnlich, bei Familienverhältnissen blicke ich manchmal nicht so richtig durch 😉 ). Ich bin völlig platt. Was macht der Kerl denn plötzlich da? Er kommt zu mir herunter und wir quatschen miteinander. Von oben winkt mir seine Freundin zu. Die Beiden machen einen Kurzurlaub in den Bergen und haben mitbekommen, dass hier ein Lauf stattfindet. Noch immer kann ich es nicht ganz begreifen, so unverhofft irgendwo in den Alpen bekannte Menschen getroffen zu haben. Es gibt schon echt tolle Zufälle! Ich mache zwei, drei Selfies und gebe Matthias das Versprechen, mich nach dem Lauf zu melden.

Mein „Dankbar-Tag“ hat damit eine neue Stufe erreicht und schenkt mir weitere Motivation. Nachdem es kurz bergab ging, führt der Trail nun annähernd flach durch kantiges Felsgestein. Beim Überholen eines Mitstreiters erlebe ich urplötzlich einen Schreckmoment: Mit dem rechten Fuß komme ich so verquer auf dem Untergrund auf, dass ich einen höllischen Schmerz im Fußgelenk verspüre und kurz vermute, das Band könne Schäden davon getragen haben. Bei jedem weiteren Schritt durchzuckt ein Schmerz den Knöchel. Wie paralysiert laufe ich weiter und befürchte plötzlich, dass mein Lauf vorbei sein könnte. Hier und jetzt. Das darf doch bitte nicht wahr sein?! Ist es Gottseidank auch nicht. Nach und nach wird der Schmerz weniger bis er schließlich völlig weg ist. Puh, Glück gehabt!

Ende nach 35 Km?

Mittlerweile machen sich jedoch ganz andere Schmerzen bemerkbar. Bergab nach Eng brennen beide Oberschenkel und jedes Abbremsen tut höllisch weh. Dazu fühlt sich mein ganzer Körper einfach leer und total müde an. Ich tendiere dazu, es in Eng gut sein zu lassen und mein angestrebtes Ultra-Finish zu verschieben. Einige Athleten überholen mich, ehe ich schließlich in Eng (km 35) ankomme.

Und nun, am Rande des urigen Almdorfs, lässt sich die Entscheidung nicht mehr aufschieben. Aufhören oder Weiterlaufen? Wie einfach es doch wäre, wenn es die Option, hier aufzuhören, gar nicht erst gäbe. Dann wäre die Entscheidung klar. Ich kippe mir etwas Wasser über den Kopf und laufe schließlich wie ferngesteuert weiter, ohne die Sache noch einmal genauer zu überdenken. Das mit dem Denken fällt mir bei der Hitze mittlerweile sowieso immer schwerer. Also auf geht’s. Wird schon, nur noch 17 km!

Autsch!

Sofort geht es wieder bergauf und knapp 750 Hm liegen vor mir. Es fühlt sich verhältnismäßig gut an und so erreiche ich über den Schotterweg die Binsalm. Ich verpflege mich und nehme dann den Schlussanstieg unter meine Laufschuhe. Rund 400 Hm habe ich noch vor mir. Und plötzlich, während ich die erste Serpentine des schmalen Pfads laufe, wird mir richtig übel. Ich verlangsame das Tempo und blicke nach oben. Ich sehe kein Ende des Anstiegs. Oh mein Gott, das kann nicht wahr sein! Je weiter ich voranschreite – mittlerweile ein langsames Gehen – verstärkt sich das flaue Gefühl im Magen. Mehrmals halte ich an und versuche ruhig zu atmen. Doch die Atmung lässt sich nicht unter Kontrolle bringen und ich hechele in kurz aufeinander folgenden Stößen. Ich spüre den Puls an meinen Schläfen. Der Schweiß läuft in Strömen an mir herab. Weiter, einfach weiter. Ich passiere einen Wanderer, der mir Mut zuspricht: „Nur noch fünf Minuten, dann ist es geschafft.“ Okay, das schaffe ich, rede ich mir zu. Nach einigen weiteren Serpentinen stehe ich dann tatsächlich auf der Bergkuppe. Auf 1900 m, dem höchsten Punkt der Tour.

Jetzt geht es nur noch bergab. Aber wie es nun einmal so ist, wenn der Körper völlig erschöpft ist, ist auch das Bergablaufen kein Zuckerschlecken. Ganz im Gegenteil. Jeder Schritt tut weh, die Oberschenkel schmerzen und ich habe mir an beiden Fußinnenseiten Blasen gelaufen. Hinzu kommt, dass die Übelkeit nicht nachlässt. Ich erreiche den Gramai-Hochleger (41,5 km) und setze mich an der Verpflegungsstelle auf eine Bank. Wie in Trance stiere ich vor mich hin und den vorbeiziehenden Athleten hinterher. Dann raffe ich mich wieder auf und renne weiter.

Ein wunderschöner Trail, den ich leider nicht angemessen genießen kann, führt hinab ins Falzthurntal und weiter zur Gramaialm. Zu diesem Zeitpunkt habe ich knapp 45 km in den Beinen und bin einfach nur platt. Erneut brauche ich eine Pause und setze mich in den Schatten. Ich blicke einer Wandergruppe hinterher und trinke in Nullkommanix zwei Wasserbecher leer. Wie ich so dasitze und mich elend fühle, bin ich mir gar nicht mehr so ganz sicher, ob ich das tatsächlich noch als „Dankbar-Tag“ bezeichnen würde. Wenn ich doch einfach nur schon im Ziel wäre. Oder wenn ich doch einfach nach 35 km Schluss gemacht hätte. Hätte, wäre, wenn. Die üblichen Gedankenspiele, wenn der müde Kopf den noch müderen Körper nur noch schwer antreiben kann.

Schließlich stehe ich wieder auf und laufe weiter. Bald schon führt der Wiesenweg auf eine Straße, die leicht bergab in Richtung Pertisau führt. Es sind noch 6 km bis ins Ziel. Ich passiere die Falzthurnalm und versuche, wie schon beim Allgäu Panorama Marathon im vorigen Jahr, durchzulaufen und nicht in ein Gehtempo zu verfallen. Das ist so verdammt schwer, wenn einfach jeder Schritt wehtut, und man sich aber trotzdem antreiben muss, nicht anzuhalten.

Mein erstes Ultra-Finish

Ich quäle mich weiter und erreiche Pertisau. Nun sind es nur noch 1,5 km. Ich passiere einige Leute, die mich lautstark anfeuern und renne weiter durch den Ort. Gleich ist es geschafft, ich kann es kaum fassen. Noch einmal biege ich links ab und sehe in einiger Entfernung schon die schillernde Oberfläche des Achensees. Es ist ein überwältigender Anblick.

Dann biege ich in den Zielkanal ein, balle meine Hand zur Faust und überschreite nach 6 h 21 die Ziellinie. Mein erstes Ultra-Finish ist perfekt. In diesem Moment bin ich einfach nur sehr, sehr dankbar für diesen Tag.

Weitere News:
Karwendelmarsch

Mein Karwendelmarsch 2017 – Wenn ganz andere Werte zählen …

Vorherige

Karwendelmarsch: mein erster Ultra

Nächste