Der Karwendelmarsch

Eigentlich ist er zu lang, um darüber zu schreiben. 52 km und kein bisschen kürzer. Was ihn so lang macht, das sind nicht nur die waagrechten Meter, sondern die 2000 Höhenmeter, die auch noch dazukommen. Aber der Reihe nach:

  • Kaum einer kann die Nacht davor gut schlafen – auch alte Karwendelmarsch-Hasen.  Viele müssen schon um 3:00 Uhr aufstehen, manche noch früher, um zwischen 4:30 und 5:30 Uhr an den Start zu kommen. Am Start ist es noch stockdunkel und kalt.
  • Mit einem Kanonenschuss werden die Läufer gestartet. Wahnsinn PUR in den Augen vieler. Sie legen die Strecke in 4 bis 7 Stunden zurück. Unglaublich!
  • Die Geher machen es gemütlicher, obwohl es darunter auch welche gibt, die glauben, auch möglichst schnell sein zu müssen.
  • Langsam weicht die Finsternis der Dämmerung und die schöne Landschaft des Karwendels wird schemenhaft sichtbar. Mit dem Aufgang der Sonne wird der Reiz der Natur in das warme Licht der ersten Sonnenstrahlen getaucht.
  • Zu diesem Zeitpunkt liegt die 1. Station, die Laliderer Alm bereits dahinter und das Karwendelhaus mit der zweiten Verpflegungsstation taucht auf. Es gibt Kekse, Orangen, Zitronen und Tee.
  • Im kleinen Ahornboden steht ein alter, abgestorbener Ahornbaum. Er zieht die Blicke magisch an und erweckt Verwunderung.
  • Wieder geht es bergauf, hinauf zur Ladisalm und zur Falkenhütte. Die wuchtigen Laliderer Wände lassen die Menschen klein und unbedeutend erscheinen. Das ist jetzt der alpinste Teil der Strecke und man fühlt, dass man inmitten des größten unbewohnten Gebietes von Österreich dahinstolziert.
  • Nach einem kurzen Anstieg geht es hinunter zum großen Ahornboden mit seinen vielen Ahornbäumen. Es ist der größte zusammenhängende Ahornbaumbestand in Österreich.
  • Die Engalm bietet die Möglichkeit auszusteigen. 35 Kilometer sind eigentlich auch schon genug. Im Laufe der Karwendelmarsch-Geschichte ist der Anteil der Weitermarschierer kontinuierlich angestiegen. 1987 waren es bereits 80%. 1969 beim ersten Marsch war es noch umgekehrt. 80% haben in der Engalm Schluss gemacht und nur 20% sind durchmarschiert. Sollten sich die Grenzen des Machbaren aufgrund zunehmender Fitness der Bevölkerung verschoben haben?
  • Spätestens jetzt tauchen die ersten Beschwerden auf. Fußbrennen, Knieschmerzen, der blöde Meniscus wieder, drückender Rucksack etc. Auch die ersten Wadenkrämpfe stellen sich ein. Der Abstieg ist viel unangenehmer als der Aufstieg. Ist auch klar da die dynamischen Spitzenbelastungen für Gelenke und Muskulatur hinunter größer sind als bergauf. Jetzt sind Mineralstoffe gefragt. Erfahrene Karwendelmarsch-Geher haben Salz- oder Mineralstofftabletten mit sich. Sehr schlau!
  • Wer jetzt weitergeht, hat es nicht leicht. Der Anstieg auf die Binsalm und dann weiter auf den Binsalmsattel ist besonders steil und anstrengend. Und die Kräfte? Ja wo sind die? Außerdem heizt die Sonne voll in den Hang hinein. Spätestens hier ist es nicht mehr kalt. Im Schatten von Latschen sitzt einer und flucht im schönsten Bayrisch: „Wenn i den dawisch, der die Scheißberg so steil baut
    hot, dann…!!!“ „Außerdem, wenn i mei Weib dawisch, die gsogt hot, dass es eh nimma weit is, dann darwürg is. Oba deis Luada kraxlt jo wia am Gams umadum!“
  • Endlich oben! Jetzt nur noch hinunter. Pertisau wir kommen!
  • Gramai: Jetzt noch 7 km leichter Marsch – nur mehr leicht abschüssig, teilweise eben. Jetzt in der Nähe des Ziels macht man Bekanntschaften. Nebeneinander marschieren plaudern. Schön. In der Genugtuung des bereits Vollbrachten und in der Euphorie des kurz bevor stehenden Zieleinlaufs beginnen die Gedanken zu fliegen. Irgendwie entsteht ein harmonischer Gleichklang.
  • In Falzthurn gibt es noch Kaffee beim Praxmarer Stand. Ich kann mir nicht erklären, warum gerade jetzt nach 46 km der Körper ein Verlangen verspürt für einen Kaffee. Und das passt einfach.
  • Die letzten Kilometer- Lauscher aufsperren. Im Ziel lärmt die Blasmusik. Wenn man sie hört, dann ist das Ziel jetzt wirklich in greifbarer Nähe. Wer hört sie zuerst? Und da ist sie. Und das Ziel. Wir sind angekommen!

Wie jedes Jahr ist alles gut gegangen. Die Organisation hat wie jedes Jahr hervorragende Arbeit geleistet. Und es war wie jedes Jahr ein beeindruckendes Erlebnis.
Auffällig ist auch, dass die Zahl der Frauen von Jahr zu Jahr zunimmt. Die Emanzipation macht sich auch auf diese Weise bemerkbar. Ist gut so.
Eigentlich sollte man den Karwendelmarsch nicht in einem Tag machen. Zwei oder vielleicht sogar drei Tage wären angemessen. Jeder, der nicht voll fit ist, sollte sich Zeit nehmen. Außerdem bleibt mehr Zeit, um die herrliche Natur zu genießen. Der Karwendelmarsch ist ein einmaliges Erlebnis!
Nun zum Abschluss noch eine Redewendung:
Ein Mann ist erst dann ein Mann, wenn er ein Kind gezeugt, einen Baum gepflanzt, ein Haus gebaut hat. Der Playboy hat ergänzt: Und einen Zwölfzylinder Ferrari gefahren hat. Und ich ergänze: Wer einen Karwendelmarsch gegangen ist!

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