Karwendelmarsch 2014: “Die Legende lebt”

Wer oder was ist der Karwendelmarsch?

Das Karwendel ist eine Gebirgsgruppe der Nördlichen Kalkalpen. Es liegt zum größeren Teil in Tirol, zum kleineren in Bayern. Bedeutende Orte sind im Westen Seefeld in Tirol und Mittenwald, im Osten Pertisau und im Süden Innsbruck. Der legendäre Karwendelmarsch, der Langstreckenwanderern, Nordic Walkern und Läufern ein ganz besonderes Natur- und Sporterlebnis bietet, wurde in diesem Jahr das 6. Mal durchgeführt.

Vom Startpunk Scharnitz (Höhe 967m) geht es über die Larchetalm, Karwendelhaus, Ladizalm, Falkenhütte, Eng,  Binsalm, Gramai-Hochleger und Gramaialm bis hinunter nach Pertisau (932m) am Achensee. Der höchste Punkt ist am Binssattel/Gramaisattel auf 1903m. Der Karwendellauf (52 km mit Zeitmessung), Karwendelmarsch (52 oder 35 km), Karwendel Nordic Walking (52 oder 35 km) geht über eine Strecke mit einem Höhenunterschied von 2280 Metern im Aufstieg.

Nachdem ich im Frühjahr den Marathon in Wien und Hamburg gelaufen und mich für den München-Marathon im Oktober angemeldet habe, brauchte ich eine neue Herausforderung! Da wir unseren Sommerurlaub mit der Familie in Österreich verbringen wollten, sprach alles für einen Trail-Lauf. Und wenn schon was neues, dann auch gleich Ultra, also eine Länge von mehr als 42km.

Meine Frau las durch Zufall im Internet vom Karwendelmarsch, von dem ich bis dato nichts gehört hatte. Es hörte sich sehr interessant an; also wurde angemeldet. So reisten wir mit der Familie ein paar Tage vorher an, um die Gegend kennen zu lernen. Am Tag vor dem Rennen habe ich schon mal den ersten Streckenabschnitt gelaufen. Und merkte gleich, die Steigungen hier sind doch etwas steiler, als im Harz, wo ich am Wochenende schon mal trainiert hatte.

Der Renntag
Morgens um 4:30 Uhr klingelte der Wecker. Ich schaute aus dem Fenster. Das Wetter war nicht so schön wie am Vortag. Oder wie beim letzten Karwendelmarsch 2013. Nein, eher so wie die Jahre davor, Regen, Nebel und recht frisch für den August. Aber egal, ich war wegen der neuen Herausforderung hier. Schnell habe ich mich gewaschen, bin in die vorbereiteten Laufklamotten geschlüpft und hinunter in die Hotelrestaurant  zum angebotenem Läuferfrühstück. Danach die Familie verabschiedet und hinüber zum Start, der sich genau gegenüber vom Hotel befand.

Pünktlich um 6 Uhr starte der Lauf mit einem lauten Knall aus einer Kanone. Wohl jeder in Scharnitz war jetzt wach. Unter Blitzlichtgewitter ging es durch den Ort, nach einem Kilometer der erste Anstieg, den ich ja schon vom Vortag kannte. Er zog sich über drei Kilometer hin und das um diese Uhrzeit, puuh…! Danach geht es bis zur ersten Labe Station (Verpflegungsstelle) nur langsam bergan. Ich habe mich bei diesem Lauf dafür entschieden, mit meinem Rucksack zu laufen, in dem sich eine 1,5 Liter große Trinkblase befand und einige Gels und Riegel.

Die Verpflegung
Eigentlich brauchte man für diesem wunderbar organisierten Lauf und seinen 10 Labe Stationen keine eigene Verpflegung. Es wurde alles aufgeboten; geschmierte Brote, Wasser, Tee, Bananen, Äpfel und später auch noch warme Suppen. Alle Speisen kamen aus der Region und standen unter dem Bio Gütesiegel. Mit meinem Rucksack fühlte ich mich aber etwas unabhängiger und konnte dann trinken, wann ich wollte. So ließ ich die erste Labe schnell hinter mir und machte mich auf den Weg.

Zur nächsten Station beim Karwendelhaus geht es rund 600 Höhenmeter rauf. Erst moderat, dann immer steiler, so dass es vom Laufen in ein schnelles Gehen übergeht. Es hat zwischenzeitlich mal kurz aufgehört zu regnen und so kann ich von oben ins Tal schauen, wo sich etliche Läufer und Wanderer wie an einer Perlenkette aufgereiht, dem Ziel entgegen strebten. Am Karwendelhaus weht ein frischer Wind. Schnell verpflegt und weiter.

Es geht bergab
Auf den nächsten 7 Kilometern geht es rund 500 m hinunter. Der Weg besteht aus Geröll und ist sehr rutschig. Trotzdem gebe ich Vollgas! Das was ich bei der letzten Steigung verloren habe, hole ich nun wieder auf. Manchmal habe ich aber schon Angst, mich bei dem hohen Tempo auf dem Untergrund zu überschlagen. Aber meine Trittsicherheit lässt mich nicht im Stich.

Kaum unten angekommen, man sollte es ahnen, geht es wieder steil an zur Falkenhütte auf 1848 m. Sie scheint nur schwer erreichbar zu sein, denn die Steigung hat teilweise mehr als 20%. So manches Mal frage ich mich, welches Fahrzeug soll denn auf solchen Wegen fahren? Dann geht es auf einem Wanderweg weiter, in dem alle paar Meter Holzbalken als Stufen eingebaut sind. Wie viele habe ich nicht gezählt, aber es waren viele. Bei der Hütte angekommen, bediene ich mich schnell am Buffet und laufe weiter. Jetzt kommt ein Abschnitt der mir richtig gut gefällt, Downhill. Ich springe über Steine, laufe links, rechts und überhole einige Läufer. Was für ein Spaß!

Ein ständiges Auf und Ab
Unten angekommen geht es zur Labe im Almdorf Eng. Dieses Mal lasse ich mir mehr Zeit mit der Verpflegung. Nun kommt das härteste Stück Arbeit, der Aufstieg auf den Binssattel von 1227 auf 1903 Metern. Die ersten zwei Kilometer geht es über einen sehr steilen Forstweg, dann über Bergpfade, die dank des Regens recht rutschig sind. Ich kann meine Beine zum Laufen überreden. Sie hätten sich aber bestimmt über Bergstöcke gefreut, die sie ein wenig entlastet hätten. Beim nächsten Mal nehme ich sicher die Stöcke mit! Als Zwischenetappe kommt auf 1502 Meter die Binsalm. Schnell Energie tanken, ein kleines Päckchen Salz in den Mund und mit Tee hinunter gespült. Weiter geht es, noch 400 m Anstieg!

Naturkunde am Karwendel
Ich schaue nach oben und frage mich, was dort für Ameisen laufen? Nein keine Ameisen, Läufer, die sind nur so weit weg. Ohh… man, da muss ich noch hoch. Es sind gefühlte 50 Kehren, über den Weg läuft Wasser, ich springe über Wurzeln und Geröll, klettere über Steine. Ich mache mir Gedanken, wie es hier wohl aussieht, wenn die letzten Wanderer diesen Steig passiert haben. Immer wieder lasse ich Läufer vorbei, die einfach das kraxeln gewohnt sind. Ab und zu lehne ich mich an den Hang und muss ein wenig verschnaufen. Dabei werde ich immer wieder von Vorbeiziehenden gefragt, ob alles ok ist. Als Antwort reichte dann nur: „Ich komme aus Norddeutschland!“ Dann bekam ich immer ein Lob: „Und dann schon so weit, Super!“ Langsam wurde es ein Kampf mit meinem Ego.

Plötzlich, wie aus dem Nichts, als ich mich gerade zwischen zwei Kiefern hindurch zwängte, bekam ich ein Bild, das ich nie vergessen werde. Ich hatte einen Blick ins Tal und sah den Gramai Hochleger, nun habe ich den höchsten Punkt erreicht. Hier wurden alle von Mitarbeitern der Bergrettung begrüßt. Von hier aus geht es nur noch bergab. Noch schnell an der Labe Station erfrischt und weiter. Kurz danach kommt mir eine Frau entgegen; sie grinst mich verschämt an. Im letzten Augenblick sehe ich, wie ihr ein wenig Blut über das Gesicht läuft! Später habe ich sie im Zielbereich mit einem „Turban“ auf dem Kopf gesehen. Ich laufe weiter, aber ich denke daran, was wäre, wenn ich bei meinen rasanten Downhills mal ins Stolpern geraten wäre?

Die letzten Reserven
Egal, keine Zeit für sowas.  – Ich gebe Gas, werde immer schneller. Immer wieder kommen matschige Passagen, in denen die Füße mehr als knöcheltief versinken. Mein Adrenalinspiegel ist hoch. Meine Beine überschlagen sich fast. Es ist meine Disziplin. Im flachen Gelände kann ich trotz der gelaufenen Kilometer noch etliche überholen, was sich später noch auszahlen wird. Wir laufen über Wege aus Schotter, dann eine Straße und plötzlich ein Ortschild: Pertisau am Achensee! Juhu, gleich ist es geschafft. Kurz vor dem Ziel begrüße ich noch meine am Straßenrand auf mich wartende Familie.

Das Ziel vor Augen
Dann durch eine kurze Gasse, der Sprecher nennt meinen Namen. Es ist vollbracht, ich habe meinen ersten Ultramarathon geschafft und das bei solch einem Trail-Lauf! Ich bin überglücklich und bekomme ein dickes Lob von meinem 5-jährigen Sohn! Auf dem Weg zur Dusche gehe ich an einer Infotafel vorbei. Dort hängen die ersten 200 Platzierungen. Und siehe da, dank meiner rasanten Aufholjagd auf den letzten 8 km habe ich noch den 199. Platz von 514 Finishern erreicht. Mit eine Nettozeit von 6:34:32 Stunden.

Auch wenn bei einem derartigen Lauf die Platzierung eher in den Hintergrund tritt, ist sie für mich bei meinem Debüt schon zufriedenstellend. Am nächsten Tag hatte ich nur ein wenig Muskelkater, der aber schnell verflog. Den anschließenden  Sommerurlaub in Österreich habe ich mit der Familie richtig genossen. Nun plane ich schon fürs nächste Jahr nach dem Hamburg-Marathon und Rennsteiglauf in Thüringen, im Sommer meinen nächsten Ultra-Trail, wobei der Karwendelmarsch wahrscheinlich aus terminlichen Gründen wegfällt.

Mein Fazit:

Mein erster Ultra war ein voller Erfolg! Der Karwendelmarsch ist echt toll. Die Organisation, die Stimmung, die Leute, die Verpflegung, die Landschaft (auch wenn Regen und Nebel vieles nur erahnen ließen). Einfach unvergesslich! Ich komme sehr gerne wieder!

Als Tipp für diejenigen, die diesen Lauf auch mitmachen möchten: trainiert Ausdauer, und möglichst Steigungen. Ich würde auf jeden Fall zusätzliche Flüssigkeit mitnehmen, so kann man immer dann trinken, wenn man es braucht. Sehr wichtig sind auch Trailschuhe mit einem griffigen Profil. Nicht unbedingt ein Muss, aber bei einigen Passagen eine gute Unterstützung sind Bergstöcke.

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