Karwendellauf 2011 – Mit Blitz und Donner

Zur dritten Auflage 2011 ist uns der Durchzug eines ergiebigen Regentiefs von den Wetterfritzen fest versprochen. In Chamonix weiter westlich, von wo man uns die Wolken rüberschiebt, hat man vor ein paar Stunden beim berühmten Ultra Trail du Mont Blanc schon den Start wegen des Starkregens einige Stunden nach hinten verschoben. Um 4 Uhr nachts kann ich in Scharnitz am Himmel aber immer noch die Sterne ausmachen. Ich hoffe immer noch auf Verspätung des Unwetters.

Beim Marsch zum Start am Gemeindeplatz direkt an der Durchgangsstraße fallen aber schon die ersten Tropfen vom Himmel. Zehn Minuten vor dem Startschuss gebe ich meine Wechselkleidung zum Transport an den Zielort ab. Meine kompletten Laufklamotten habe ich bei fast 35 Grad Plus eingepackt, da war im Web noch von Temperaturen mit Regen um 10 Grad die Rede. Ich bin eigentlich ganz gut ausgerüstet, aber an eine lange Hose habe ich nicht im Entferntesten gedacht, also auch keine im Laufrucksack. Eingepackt habe ich aber Regenjacke, Mütze, Ärmlinge und Handschuhe.

Da es bei der Kleiderabgabe auch schon stärker zu regnen beginnt, entscheide ich mich bereits für einen Start in Regenjacke. Vom Sprecher bekommen wir nochmals Informationen über die Wetterentwicklung der nächsten Stunden. Es wird im Laufe des Tages auf alle Fälle mit stärkeren Regenfällen zu rechnen sein, werden wir „beruhigt“. Stockdunkle Nacht, Regen prasselt hernieder und die Aussichten sind miserabel, das ist so eine Situation wo ich mich schon kurz frage: „Warum stehe ich eigentlich hier und wie verrückt muss man eigentlich sein überhaupt loszulaufen?“ Alle Gedanken sind aber nur Momentaufnahmen und wirklich nicht zu starten ist natürlich keine Option, besonders wo heute mein 50. Marathon/Ultra ansteht.

Nach einem flachen Kilometer Einlaufen dürfen wir auch schon den ersten kleineren Aufstieg bewältigen. Mir wird‘s mit meiner Regenjacke bereits richtig warm und da der Regen tatsächlich wieder aufgehört hat, entledige ich mich ihrer sehr schnell. Mittlerweile ist es hell geworden und es sieht alles wesentlich freundlicher aus am Himmel als angenommen, bequem lässt es sich in kurzer Hose und Shirt laufen.

Im Karwendeltal sind entlang des wildromantischen Karwendelbaches bis zur ersten Labestation etwa 10 km zurückzulegen. Über uns thronen die gewaltige Pleisen- und Larchetkarspitze mit über 2.500 m Höhe. Gefühlsmäßig kommt mir der Weg eigentlich fast flach vor, dem ist aber nicht so, laut Höhenprofil geht es immer leicht aufwärts. Nach gut einer Stunde haben wir schon die Larchetalm zum Frühstücken erreicht.

So könnte es weitergehen …tut es aber nicht, am Himmel kann man schon sehen wie die Wolken immer bedrohlicher werden und die Gipfel langsam umschließen. Die Strecke legt jetzt auch spürbar an Steigung zu, was sich auch bald auf die Temperaturen auswirkt. Ich lege meine Regenjacke wieder an. Unterhalb des Karwendelhauses hat es sich bereits richtig ungemütlich zugezogen, die Bergspitzen über uns und selbst die Alpenvereinshütte in unmittelbarer Nähe sind im Nebel nur mehr schwer erkennbar. An der großen Brotzeitstation steuere ich als erstes die leckere, warme Kartoffelsuppe an, die auch sonst begeisternde Abnehmer findet. Dazu wird uns u.a. heißer Tee geboten. Aber an der zugigen Zeltstation ist schon empfindlich kalt geworden, trotz Handschuhe komme ich bald ins frösteln.

Auf rustikalen Wegen geht es serpentinenartig runter zum Kleinen Ahornboden. An der dort postierten Station drängen sich gerade viele Läufer unter das Zelt, da wieder ein anständiger Duscher vom Himmel kommt. Einer schnorrt sich ein paar Gummihandschuhe von den Helfern um seine Finger wenigstens etwas vor der Kälte zu schützen. Es hilft nix, ich muss wieder weiter.

Nach einem langgezogenen Schotterfeld geht es wieder auffi. Erst noch relativ komfortabel durch lichte Wälder, aber nach der urigen Ladizalm wird es richtig steil. Eine Gruppe Berliner Jungs muss ihren Kameraden schon mächtig motivieren, damit er überhaupt noch weiter geht. Die letzten 300 Höhenmeter hinauf zur Falkenhütte haben es wirklich in sich. Normalerweise würden wir ja zur Entschädigung mit einem atemberaubenden Panorama auf die vor uns liegenden Ladiderer Wände belohnt, aber da ist heute leider Fehlanzeige, sie sind vollkommen in Wolken gehüllt. Dafür hat es aber wenigsten seit einiger Zeit mal wieder aufgehört zu regnen.

Unterhalb der Falkenhütte können wir uns wieder stärken. Das Verpflegungszelt steht zwar an sehr exponierter Stelle wo es zieht wie Hechtsuppe, aber die Brotzeit ist wieder allererste Sahne. Besonders zu erwähnen wäre die extra dicke Hafersuppe. Die warmen Speisen und Getränke finden bei dem jetzigen Schmuddelwetter nicht nur bei mir am meisten Anklang. Am allerbesten schmecken mir aber die selbstgemachten Riegel. Sie sehen aus wie kleine Florentiner und schmecken beinahe auch so, nur nicht ganz so süß, am liebsten würde ich mir den Rucksack voll einpacken, sie gibt es aber noch an diversen Stationen zum durchfuttern.

Direkt unterhalb der steil abfallenden Laliderer Wände geht es für uns weiter. Die Felswände sind etwa 900 Meter hoch und reichen bis knapp unter die Gipfelbereiche von Laliderer Spitze (2.588 m) und Grubenkarspitze (2.663 m). Aber so weit nach oben können wir heute leider nicht sehen. Nach einem kurzen Aufstieg geht es auf größtenteils winkligen kleinen Trails kräftig bergab bis zur Eng.

Nach dem Zieleinlaufbogen ist wieder eine große Labestation errichtet. Besondere Schmankerl sind der warme Gemüsefond und die kalte Heidelbeersuppe die ich mir nicht entgehen lass. Schon beim Abstieg wurde der Regen am Schluss immer stärker, aber jetzt fängt es hier richtig zu schütten an, außerdem sind erste Donner am Himmel zu vernehmen.

Nach einer ausgiebigen Stärkung nehme ich im strömenden Regen den dritten und letzten Aufstieg in Angriff. Mit 650 hm auf den nächsten 6 km ist er auch der steilste und schwierigste des ganzen Kurses. Um uns blitzt und donnert es in einer Tour. Die Feuchtigkeit dringt jetzt selbst durch meine Regenjacke und meine Hose ist vollkommen durchnässt. Je höher wir klettern umso kälter und ungemütlicher wird es. Meine Hände sind trotz, natürlich fast triefender Handschuhe, nur noch ein Fremdkörper von mir. Als purer Glücksfall hat sich heute ein alter Filz-Trachtenhut von meinem Vater erwiesen, ich habe ihn eigentlich nur gewählt, weil er so gut zu meinem heutigen Alpen-Outfit passt. Er ist vollkommen wasserdicht und hält meinen Kopf unglaublich warm, was ich mir von keiner anderen Kopfbedeckung heute hätte besser vorstellen könnte

Plötzlich reißt mich ein Blitz und unmittelbar danach ein gewaltiger Donnerschlag aus der Lethargie, der kann nicht mehr allzu weit von uns entfernt gewesen sein. Der Regen weicht Hagel- und Graupelschauern, ich muss weiter, weiter und höher, immer unwirtlicher werden die Bedingungen. Aber es wird noch besser, kurz vor Überquerung des höchsten Punktes am Binssattel liegt Schnee, noch nicht hoch, aber nix wie weg von hier.

Auch der Abstieg ist gefährlich und wirklich laufen lassen kann man’s nicht. Einige haben sich die goldene Rettungsdecke oder einen Müllbeutel um den Körper gewickelt und versuchen so ihr Glück. An der Gramaialm-Hochleger genehmige ich mir schnell eine warme Suppe und zwei Becher heißen Tee und weiter geht’s. Ich muss in Bewegung bleiben, mich fröstelts gewaltig, die feuchte Kleidung bereitet kein Vergnügen mehr. Wenigstens geht es immer abwärts.

Die nächste Aufwärmmöglichkeit bietet uns einige Kilometer später die Station an der Gramaialm. Je heißer, je besser das Getränk. Mich fröstelt gewaltig. Von Feuerwasser bin ich eigentlich kein Fan. Warum mir trotzdem „gibt’s an Schnaps?“ rausrutscht, muss wohl an dem zu erwartenden Brennen durch den Körper liegen. „Joa, moagst oan? Kommt wie aus der Pistole geschossen von der freundlichen Helferin und zaubert sofort eine Flasche hervor. Tut gut heute und weiter, in Bewegung bleiben. Über Feldwege und Wiesen mit leichtem Gefälle führt der weitere Weg abwärts.

An der letzten Getränkestation Falzturnalm erfahre ich dass die Veranstaltung abgebrochen wurde. Als der Regen zu Hagel und später sogar zu Schnee wurde, reagierten die Veranstalter und verlegten um gegen 14.00 Uhr das Ziel in die Eng. Hilft mir nix, ich hab noch 4 km vor mir. Schnell einen heißen Tee und weiter, mich friiiiiert’s, ich zittere wie ein Schlosshund. Der Schlussabschnitt führt fast kerzengerade auf einer Teerstraße nach Pertisau. Nach gefühlt unendlich langen drei Kilometern komme ich endlich ins Ziel. Über eine halbe Stunde nach Zielankunft zittere ich in trockenen Klamotten immer noch wie ein Parkinson Kranker. Mein 50. Marathon/Ultra wird mir wohl immer in Erinnerung bleiben.

Lange aufhalten will ich mich im Zielort nicht. Leider, so bekomme ich wenig vom Achensee zu sehen. Aber im Dauerregen ist es einfach kein gemütlicher Aufenthaltsort, ich bin froh als ich im warmen Bus sitze. Eine Stunde soll der Rücktransport nach Scharnitz dauern, daraus werden heute auf der überfüllten Inntalautobahn fast zwei. Bei der Ankunft am Startort um 17 Uhr wache ich auf und die Sonne strahlt mir aus einem blauen Himmel über dem Karwendel entgegen …als ob nichts gewesen wäre.

Weitere News:

Lange her

Vorherige

Karwendelmarsch

Bis an den Grenzen gehn

Nächste