Vom Couchpotatoe zum Ultramarathoni

Vom Couchpotatoe zum Ultramarathoni

Wow .. wo fange ich an?

Am besten starte ich ganz am Anfang. Noch vor 3 Jahren bestand mein Alltag darin, mich von der Arbeit auf die Couch zu schleppen und dort die Beine hochzulegen – kein Sport und schlechte Ernährung taten ihr übriges. Sodass ich im April 2015 von einem auf den anderen Tag beschloss mein Leben gründlich zu ändern. Mit einem stattlichen Kampfgewicht von 110 kg bei einer Körpergröße von 165 cm startete ich meinen Weg – einen Weg der mich letztendlich zum Karwendelmarsch gebracht hat. Ich krempelte meine Ernährung um und startete mit dem Sportprogramm und verlor mit viel Disziplin fast 50 kg in nur 11 Monaten – Nie im Leben habe ich damit gerechnet auch nur 3 Jahre später meinen ersten Ultramarathon zu finishen. Den Karwendelmarsch 2018!

Nachdem ich 2017 eher zufällig von diesem tollen Event erfahren habe stand für mich sofort fest. „Da möchte ich nächstes Jahr dabei sein“ Ich notierte mir die Eröffnung der Anmeldung rot im Kalender um mich sofort anzumelden. Mit einem „Klick“ war das dann auch schnell passiert und die Vorfreude steig schon im Dezember aufs unermessliche. Im März startete ich mit dem Training für meinen ersten Ultramarathon in der Disziplin „Karwendellauf für 52km“.

Plötzlich war es dann da – Das Eventwochenende!

Schon am Freitag Mittag machen wir uns auf den Weg nach Scharnitz um meine Startunterlagen abzuholen. In Begleitung meines Liebsten war das dann auch schnell getan und wir beschlossen unser Quartier für die Nacht anzusteuern und uns unterwegs noch Abendessen zu Organisieren.

Es geht los…

Es ist Samstag 25. August 2018, 4.00 Uhr, mein Wecker klingelt. Ich springe aus dem Bett und bin sofort hellwach. Meine Nacht war erstaunlich ruhig und sehr erholsam, so wie ich es vor einem Event eigentlich nicht gewohnt bin.
Das Frühstück fällt mau aus. In der Pension gibt es Frühstück von 8-10 Uhr, das heißt ich esse mein Toast mit Schokoaufstrich auf dem Zimmer. Ich ziehe mir in Ruhe mein Laufoutfit an, dass ich mir schon am Vorabend herausgelegt hatte. Aufgrund der „interessanten Wettervorhersage“ bin ich verunsichert denke aber, dass ich mich richtig entschieden habe. Der Laufrucksack steht schon gepackt neben dem Bett, alles wichtige haben wir gestern eingepackt und überlegt, ob es wirklich notwendig ist oder nicht – um unnötigen Balast zu sparen.

Mittlerweile ist es  kurz nach 5 Uhr, es ist Stockdunkel und regnet noch leicht – wir steigen langsam ins Auto und fahren Richtung Scharnitz und merken schnell: Aus unserem Plan, gemeinsam bis zum Startbereich zu gehen wird nichts. Scharnitz ist ein einziges Verkehrschaos! Wir beschließen, dass ich alleine gehe. Schnell noch einen Abschiedskuss und ich schleiche den anderen Läufern und Wanderen hinterher in Richtung Startbereich.
Der Startbereich ist bereits jetzt ziemlich voll, alle unterhalten sich, machen Fotos oder versuchen die letzten Dinge in Ihren Rucksäcken zu verstauen. Ich überlege nochmal die Toilette aufzusuchen, sehe dann aber die Schlage und überlege es mir anders. Hätte sich ja ohnehin nicht gelohnt, die paar Tröpfchen.
Gegen 5:50 Uhr begebe ich mich langsam in den Kanal, der in den Startbereich der Läufer führt und reihe mich zwischen vielen anderen Gleichgesinnten ein. Es nieselt, ist aber nicht unangenehm kalt. Der Startschuss fällt um Punkt 6 Uhr und wir traben langsam los.

Mein Plan: Spaß haben, genießen und mit einem Lächeln ins Ziel einlaufen! – keine Zielzeit!

Schon nach einigen hundert Metern geht es leicht bergan und die ersten gehen schon. Ich drossle das Tempo und schraube mich den kleinen Anstieg nach oben. Langsam erkennt man mehr, die Berge, gehüllt in Wolken – es dämmert.
Ich laufe entspannt entlang des schönen Karwendelbachs der uns einige Kilometer in dieses schöne Tal führt und bewundere die Schönheit der Natur. Nach der ersten Labestation geht es weiter bevor der erste größere Anstieg grüßt. Ich schraube mich hoch zum Karwendelhaus, hinein in die Nebelsuppe.
Was von unten so schön und mystisch aussah ist jetzt gar nicht mehr so toll – es ist kalt und nass! Deswegen schütte ich mir am Verpflegungspunkt schnell einen Tee rein, esse ein Stück Banane, werfe die Regenjacke drüber und laufe weiter. Der erste langgezogene Downhill zum kleinen Ahornboden. Raus aus dem Nebel! Bereits jetzt kann man viele Läufer mit aufgeschlagenen Knien sehen. Durch den Regen ist es matschig und rutschig auf den Wegen.
Völligst entspannt komme ich bei der nächsten Verpflegungsstelle an und gönne mir einen Keks, Holundersaft und Wasser. Und weiter gehts in den nächsten Aufstieg Richtung Falkenhütte. Die ersten Kilometer sind entspannt und gestalten sich als weniger anspruchsvoll bis sich der Anstieg plötzlich hebt und die Forststraße unfassbar steil wird. Mithilfe meiner Stöcke bezwinge ich diesen natürlich auch, schnaufend und keuchend. Ein Helfer der Labestation an der Falkenhütte kommt auf mich zu und fragt, wie es mir geht und ob er mir etwas Gutes tun kann – schon habe ich Wasser, Tee und Holundersaft in der Hand. Ein großes Banner verrät: „30,2 km schon gelaufen, 21,8 km noch zu laufen“. Für den nächsten Downhill nehme ich mir noch eines der leckeren Käsebrote mit Schinken mit und gebe bergab nochmal etwas Gas.

Entlang der imposanten Felswand und der Lalidererspitze geht es wieder leicht bergan bis uns die nächste Bergabpassage direkt in die Eng bringt. Dort wartet mein Liebster auf mich – das beflügelt und motiviert. Er sitzt für mich gut sichtbar mit seiner Kamera am Hang und begrüßt mich mit einigen Fotos. Ich bleibe stehen, umarme ihn kurz und hüpfte weiter zur Engalm – dem Ziel der 35 km Distanz.
Nach dem langen Bergablaufen sehne ich mich nach dem nächsten Anstieg der alle Teilnehmer der 52 km Distanz direkt über die Binsalm auf den Gramaisattel bringt. Kurz unter dem Sattel wird es wieder richtig Steil und Rutschig! Oben angekommen begrüßen mich gut gelaunte Helfer mit meinem Vornamen. Nach einem kurzen Plausch rutsche ich dann aber weiter zur nächsten Verpflegungsstelle, etwas unterhalb des Sattels. Auch hier wird man herzlichst begrüßt.

Noch 12 Kilometer, dann ist es geschafft. Witzig, meine Beine fühlen sich so garnicht nach „fast Marathon“ an. Noch schnell ein Käsebrot für den Downhill und ab geht die Post. Die nächsten 2,5 km in etwa genauso steil wie der Aufstieg gerade und ebenfalls sehr matschig.

Als es flacher wird entdecke ich das Schild „Noch 9 Kilometer“ am Wegesrand und freue mich ein bisschen – ich freue mich jetzt schon auf den Zieleinlauf und auf meinen Liebsten, der natürlich auch im Ziel auf mich wartet. Ab jetzt läuft es einfach und ich lasse meine Beine locker rollen. Ab dem Schild „Noch 5 Kilometer“ steigt die Anzahl der Zuschauer an der Strecke deutlich und immer wieder werden wir bejubelt und angefeuert.

Noch 2 Kilometer. Eine Frau am Streckenrand – die mir entgegenkommt – bleibt stehen, verbeugt sich, zieht ihren imaginären Hut und ruft mir Glückwünsche zu meiner Leistung zu. Ich kämpfe mit den Tränen, denn ich begreife jetzt langsam, was ich tue. Ich muss weiter! In Pertisau steigt die Zahl der Zuschauer nochmals deutlich an – von überall hört man Rufe und Geklatsche. Ehe ich mich versehe laufe ich in den Zielkanal, mit breitem Lachen vorbei an meinem Liebesten, der dort wieder mit der Kamera lauerte, durchs große Zieltor. Ich höre meinen Namen und bekomme eine Medalie um den Hals gehangen. Ich drehe mich um und schaue auf die Zeitanzeige. 7:14:36 Stunden – damit habe ich im Leben nicht gerechnet, denn den Blick auf die Laufuhr habe ich mir unterwegs gespart. Ja! und jetzt laufen die Tränen, sodass ich kurzzeitig kaum Luft bekomme und ich kann es kaum fassen!
Ich habe es wirklich geschafft  und es war absolut großartig!

Mein erster Ultratrailmarathon ist Geschichte – eine wundervolle Geschichte mit Wiederholungsbedarf! Hätte man mir das vor 3 Jahren erzählt hätte ich denjenigen definitiv für Verrückt erklärt….

Wenn die Liebe beflügelt!

Wenn die Liebe beflügelt!

Zum 4. mal ging ich heuer an den Start beim schönen Karwendellauf – zum ersten mal war meine Freundin mit dabei!

Am Anfang dachte ich es wird nicht mein Rennen: etwas schwere Beine und leichte Luftprobleme. Doch nach dem ersten Downhill vom Karwendelhaus – und vorallem mit dem Gedanken, dass im Ziel meine Freundin wartet, wurde ich immer schneller und konnte mich zum Vorjahr um ganze 25 Minuten verbessern! Am Ende wurde es mit 4h56min Platz 13 und sogar Platz 3 in meiner AK! Mit meinem ersten Podium überhaupt bin ich sehr stolz!! Danke an die allerbeste Freundin für die mentale Unterstützung❤️😘

Bis nächstes Jahr🤘

Irgendwann ist es immer das erste Mal: Ultra

Irgendwann ist es immer das erste Mal: Ultra

„Und – wie fühlst du dich als frisch gebackene Ultra-Läuferin?“ fragt mich ein Kumpel einen Tag nach dem Karwendelmarsch.
Gestern bin ich also 52 Kilometer gelaufen. Mit 2200 Höhenmetern. Mein erster Ultra. Zugleich auch erster Marathon, denn die längste Distanz, die ich bislang am Stück laufend auf den Beinen war betrug 35 Kilometer. Heute fühlt es sich schon an, als wäre der Lauf vor über einer Woche gewesen.
„Prima, alles bestens“, ich merke heute kaum die gestrige Anstrengung der Kilometer und Höhenmeter, die Muskeln sind fit und schmerzen gar nicht.
Geschuldet ist das wohl zum Großteil der guten Vorbereitung. Nicht superlange Strecken, aber oft mehrmals pro Woche 20, 25 Kilometer, und viele, viele Höhenmeter bin ich in den letzten gelaufen, hinauf gekraxelt, bin ich in technisch anspruchsvollem Downhill-Gelände wieder runter gerannt. Der körperlichen Vorbereitung verdanke ich also, dass ich heute ohne Muskelkater ganz normal durch die Gegend laufe.
Bei einer Distanz von 52 Kilometern – die vor wenigen Monaten für mich noch unglaublich lang und unvorstellbar weit erschien – kommt es nicht nur drauf an, wie fit die Beine sind.
Auf meinen wenigen Trail-Rennen, die ich seit diesem Frühjahr und Sommer mitgemacht habe, hab ich stets gemerkt: ganz viel entscheidet der Kopf: #glaubandich. Je länger die Distanz, desto mehr, denke ich mittlerweile.
Der Kopf muss erkennen, ob mein Körper an der Verpflegungsstelle eine Pause braucht, ob ich stehenbleibe oder nur einen Becher Wasser nehme und sofort weiterlaufe.
Der Kopf entscheidet, ob ich mir über ein Ziehen in der Hüfte Gedanken mache und dadurch langsamer und unmotivierter laufe oder es wie gestern nur an dem kalten Wind um 7:30 Uhr morgens auf dem Karwendelhaus lag und nach den ersten steileren Anstiegen und Downhills alles immer besser wurde. Weil mich solches Gelände so schön ablenkt. Je fordernder, desto besser.
Und der Kopf ist verantwortlich, den Körper zu bremsen, wenn im technisch schwierigen Downhill die Konzentration fehlt, schnell zu rennen. Was gestern aber nicht nötig war, denn ich hatte mir vorgenommen, das Rennen bei so einer langen Distanz gut einzuteilen und das ging super auf.
Einteilen bedeutete gestern für mich laufen wie „Traktor – PKW – Rennwagen“. Ein verhaltener Start wird mir schon von einigen „Marsch“-Teilnehmern leicht gemacht, die irgendwie doch vor mir auf die Strecke gestartet sind und die ich erstmal überholen muss. Der lange Forstweg durch Tal Richtung Karwendelhaus zieht sich. Langweilig für einen Trailläufer, der lieber flowige, steinige, technische Singletrails und Pfade liebt. Hier haben die Straßenläufer einen Vorteil. Aber nicht lang. Als der Weg endlich steiler wird und zum Karwendelhaus hoch anzieht, freu ich mich sehr über die Steigung – die endlich mal einen Abwechslung zu der langweiligen Forststraße bietet. 

Dann kommt der erste Downhill – juhu – Leute überholen 😉 – und schon gehts über den kleinen Ahornboden auf einen schmaleren Weg, mit Fels, Schotter und bisschen Matsch rüber und hoch (yeah, schön steil!) zur Falkenhütte. Bergauf wieder Läufer einsammeln. Die schnaufen, mein Puls dagegen fühlt sich gerade nach GA1 an, ungelogen. Das Höhenmetertraining macht sich hier sehr bemerkbar. Viel Höhenmeter auch über 2000m bis 3000m in den letzten Wochen. Hilft.
Als ich die Eng (Ziel für die Kurzstrecke) passierte – die 35km-Marke, ab der für mich läuferisch Neuland beginnt, denke ich nicht einmal im Entferntesten daran aufzuhören. Läuft. Super. Und jetzt kommt ein „Spitzlstein“ – diesen Vergleich ziehen wir seit dem Bergmarathon Traunsee mit steilen, matschigen Anstiegen. Spitzlsteine liebe ich seitdem. „Auf gehts, richtig gut dabei!“, rufen mir die wenigen Wanderer und Bergwacht-Posten zu, die an diesem eher nebligen Tag an der Strecke stehen.
Ach ja, das Wetter – das hätte ich fast nicht bemerkt – es regnet gar nicht wie befürchtet. Volle Konzentration liegt auf der Strecke, auf dem Rennen, auf dem Untergrund, über den wir laufen – die Umgebung ist für mich gerade eher Nebensache. Im Training ist das natürlich anders. Da laufe ich, weil ich die Berge so liebe, die Aussicht, die grünen Hügel, die Gipfel und steinigen Grate, die Sonnenauf- oder untergänge weit weg von Stadt.
Es hat in der Nacht ordentlich geregnet  – daher nasser Boden, macht aber im eher gerölligen Karwendel nicht so viel aus. Da bin ich schon schlimmeres gelaufen. Bei schönem Wetter ist der Karwendelmarsch ein Lauf mit grandiosem Panorama. Heute sieht man kaum was. Fokus auf den Trail. Auch gut.

Die letzten Kilometer fliegen nur so dahin. So glücklich bin ich, dass ich mich nach 40, 44, 48 Kilometern noch so gut fühle. Das einzige Manko am Ende: drei Kilometer Asphalt. Nein, Asphalt mit den Schuhen – das macht eigentlich gar keinen Spaß und tut den jetzt doch schon relativ geforderten Knien auch nicht gut. Aber – schön auf einen guten Laufschritt konzentrieren, und so gehts auch flott ins Ziel.
6 Stunden 23 Minuten. Alles richtig gemacht, würde ich sagen. Stolz auf den 7. AK-Platz und den 18. Platz gesamt von 180 Frauen. Und ganz stolz auf die Art wie ich für dieses Rennen bis zum Ende meine Kraft eingeteilt hab, für jeden Downhill volle Konzentration hatte und mich von der Wettervorhersage auch nicht davon hab abhalten lassen überhaupt an den Start zu gehen.

Und dankbar. Für die Begleitung auf der Strecke – zusammen ist man weniger allein mit den Gedanken – dankbar für die Trail-Community, die solche Rennen einfach noch viel wertvoller macht, da es ein fröhliches Miteinander ist, man sich wieder trifft, über den einen den anderen kennt oder kennenlernt. Mit einander leidet (ein bisschen) und lacht (sehr viel). Und schon überlegt, was man als nächstes zusammen laufen könnte.

www.kerstinleicht.de/category/blog

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Nebelsuppe, Kartoffelsuppe, Blaubeersuppe

Nebelsuppe, Kartoffelsuppe, Blaubeersuppe

Von der Kartoffelsuppe in die Nebelsuppe bis hin zur Blaubeersuppe… und dann noch ab ins Ziel!

Von Scharnitz, wo das Abenteuer gemeinsam beginnt, geht es auf über das wunderschöne Karwendelgebirge bis nach Pertisau, dort, wo das Abenteuer eine Pause einlegt. Ja, eine Pause, denn das Abenteuer geht weiter. 2018 – das Jubiläumsjahr einer wunderbaren Veranstaltung! Auch wenn die Wolken das Sonnenlicht trübten, so strahlten alle Teilnehmer heller als die Sonne.

Es ist kurz vor 06:00 Uhr morgens, die Stille im Ort, kaum Lichter, aber im Startgelände ist die Hölle los! Schnell noch die Pulsuhr gecheckt, Kontrolle der Schnürsenkel und der restlichen Ausrüstung. Mist, hab ich zu wenig mit oder gar zu viel? Brauch ich die Stecken oder stören sie nur? Egal, die letzten Sekunden vor dem Start brechen an. Irgendwie spürt man die Spannung, die Aufregung, den Puls.. er wird höher.

Der Countdown beginnt: 10..9..8.. oh Mann, der Puls schlägt schneller als der zählt…3..2..1.. ein lauter Knall schallt durch den Morgen.. Wer jetzt nicht wach ist, dem ist nicht zu helfen. Es beginnt! Das Abenteuer Karwendellauf – mitten drin statt nur dabei!
Die Menge schiebt sich vor Richtung Durchlauf, es geht los – AUF GEHTS! 2.500 Teilnehmer/innen – die Stimmung passt, die Motivation auch! Begleitet von einem begeisterten Publikum geht’s los, 35 oder 52 km – jeder ist ein Sieger!
Das Wetter ist – trotz der dichten Wolkendecke – entsprechend gut. Es könnte heißer sein, aber nicht jammern, besser als Regen. Wir laufen, walken, reden.. Hoppla, aufpassen, könnte rutschig werden.
Es heißt aufpassen, die Steine sind nass, der Boden feucht, das Wurzelwerk rutschig. Mist, wird wohl nichts mit einer neuen Bestzeit. Egal, bei diesem Wetter heißt es: sicher und gesund ins Ziel kommen hat oberste Priorität, das hab ich meiner Familie versprochen.

Das Karwendelhaus nähert sich. Die heißbegehrte Kartoffelsuppe ist greifbar nahe. Oh Gott, wie die schmeckt! Und gut tut, und überhaupt! Es ist kalt, die Kartoffelsuppe ist genau das Richtige. Nun heißt es, etwas wärmer anziehen! Von der heißen Kartoffelsuppe geht es ab in die Nebelsuppe. Die Beine müssen erstmal wieder warm werden, damit das Bergablaufen klappt.

Ich fange an zu singen, muss mit mir selber lachen: Über Stock und über Stein, aber brich dir nicht das Bein, das hab ich meiner Familie versprochen. Com‘ on Geri, konzentriere dich, der Weg ist diesmal nicht so einfach.

Es läuft gut, langsam lichtet sich das Feld. Auch dieses Jahr sind alle Teilnehmer wieder fair und hilfsbereit. Das ist der Karwendellauf. Sportlich, aber fair. Es geht weiter, oh da war sie doch schon, die Falkenhütte. Ob man über das Schild „nur noch 21km“ lachen oder weinen soll, weiss man nicht, ist ja nur noch ein Halbmarathon, der vor dir liegt.

Die Laune hält, der Schuh sitzt perfekt, weiter geht’s. Es ist super. Zwischen den schweren Atemzügen findet man doch noch ein paar Worte, die man mit anderen Teilnehmern wechselt. Oh, die Eng ist da! Und dieses Mal gehört sie mir! Aus der Nebelsuppe ran an die Blaubeerensuppe. Man überlegt kurz, stehen bleiben, schlemmen, oder geht’s weiter? Die Antwort bleibt nicht lange aus, nachdem man den Becher geleert hat und schon in der Anhöhe zur Binsalm drin ist. Ach, da war doch noch was! Die letzte Anhöhe.

Es wird anstrengend.. und hart. Nicht nur die Anhöhe, auch die Muskeln. Der Wille ist da, ich gehe sicher nicht zurück zur Eng. Es gibt kein Aufgeben, nicht bei mir. Die Wolkendecke ist immer noch da, aber mein Gesicht strahlt heller als die Sonne. Die letzte Anhöhe wurde geschafft, es geht wieder bergab und meine Laune noch weiter bergauf.

Ich weiß was vor mir liegt: die letzten 9km – die kann ich laufen. Eine schnelle WhatsApp-Nachricht an meine Familie. Nur noch 9km – ich bin am Weg.  Ein Blick auf die Uhr. Weiterlaufen. Noch ein kurzer Blick auf die Uhr. Ernsthaft? Bei diesem Wetter? Kann es wirklich sein, dass ich schneller bin als beim letzten Mal? Die Sonne strahlt: und zwar aus meinem Gesicht – auf geht’s! 5 km, der Kopf rechnet, es ist machbar. 3 Km, alles gut, alles läuft. Auch ich.

Ein kurzer Blick nach hinten, alle anderen Gegn äh Mitstreiter sind ein Stück hinter mir. Ich kann das Tempo beibehalten. Nur nicht krampfeln und nur nicht stehen bleiben. Zuschauer feuern weiterhin lautstark an. Das gibt noch einen weiteren Motivationsschub. Ich höre den Zielsprecher, die tobende Menge – wieder dieses irre Gefühl in den Beinen. Von den Zehen aufwärts bis rauf in den Kopf – es kribbelt, das Gefühl, es wieder zu schaffen. Schnell noch eine WhatsApp-Nachricht. Ich bin gleich da.

Der Zieleinlauf! Unbeschreiblich – das Gefühl, es bei diesem Wetter gesund und sicher geschafft zu haben. 26! Minuten schneller als das Jahr zuvor. Unglaublich. Freudentränen machen sich breit. *peep* *peep* WhatsApp: wir sind auf den Weg…ich antworte nur noch: „ich bin doch schon da“… tja, schlechter Handyempfang – was solls! Ich bin im Ziel – die Finisher-Medaille bestätigt es. Man sieht glückliche Finisher, aus Schmerz- werden Freudentränen, unbelievable. Kurz nachgefragt: Der Sieger – Wahnsinn. Es war ein Highlight und ich kann abschließend sagen:

WIR ALLE SIND GEWINNER – egal ob 35 oder 52km.

Mein Weg

Mein Weg...

Der heurige Karwendelmarsch war nach einem turbulenten Jahr, in dem das Leben mit mir Achterbahn gespielt hat, wie mein ganz persönlicher „Jakobsweg“. Ich bin vom ersten Mal an fasziniert gewesen von dieser Veranstaltung – von dem, wie sehr man an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gehen kann, was man alles schafft, wenn man will und gleichzeitig davon, wie viele schöne, unvergessliche Eindrücke des Karwendels und der Menschen, die mitgehen, man sammeln darf. Ein Highlight in meinem Jahrbuch, und ein großes Lob an die Veranstalter – bis hoffentlich zum nächsten Marsch 2019, lg Alexandra Eberharter

Größtes Lob für die Verpflegungsmannschaften

Größtes Lob für die Verpflegungsmannschaften

Trotz der widrigen Witterungsumstände am 25.08.2018 herrschte bei allen Labestationen beste Stimmung. Sämtliche Helfer an diesen Stationen, ganz besonders die Eva und der Günther in Pertisau, verdienen ein Extralob!!!! Bravo und Danke, M+Ä+P

Karwendellauf 2011 – Mit Blitz und Donner

Karwendellauf 2011 – Mit Blitz und Donner

Zur dritten Auflage 2011 ist uns der Durchzug eines ergiebigen Regentiefs von den Wetterfritzen fest versprochen. In Chamonix weiter westlich, von wo man uns die Wolken rüberschiebt, hat man vor ein paar Stunden beim berühmten Ultra Trail du Mont Blanc schon den Start wegen des Starkregens einige Stunden nach hinten verschoben. Um 4 Uhr nachts kann ich in Scharnitz am Himmel aber immer noch die Sterne ausmachen. Ich hoffe immer noch auf Verspätung des Unwetters.

Beim Marsch zum Start am Gemeindeplatz direkt an der Durchgangsstraße fallen aber schon die ersten Tropfen vom Himmel. Zehn Minuten vor dem Startschuss gebe ich meine Wechselkleidung zum Transport an den Zielort ab. Meine kompletten Laufklamotten habe ich bei fast 35 Grad Plus eingepackt, da war im Web noch von Temperaturen mit Regen um 10 Grad die Rede. Ich bin eigentlich ganz gut ausgerüstet, aber an eine lange Hose habe ich nicht im Entferntesten gedacht, also auch keine im Laufrucksack. Eingepackt habe ich aber Regenjacke, Mütze, Ärmlinge und Handschuhe.

Da es bei der Kleiderabgabe auch schon stärker zu regnen beginnt, entscheide ich mich bereits für einen Start in Regenjacke. Vom Sprecher bekommen wir nochmals Informationen über die Wetterentwicklung der nächsten Stunden. Es wird im Laufe des Tages auf alle Fälle mit stärkeren Regenfällen zu rechnen sein, werden wir „beruhigt“. Stockdunkle Nacht, Regen prasselt hernieder und die Aussichten sind miserabel, das ist so eine Situation wo ich mich schon kurz frage: „Warum stehe ich eigentlich hier und wie verrückt muss man eigentlich sein überhaupt loszulaufen?“ Alle Gedanken sind aber nur Momentaufnahmen und wirklich nicht zu starten ist natürlich keine Option, besonders wo heute mein 50. Marathon/Ultra ansteht.

Nach einem flachen Kilometer Einlaufen dürfen wir auch schon den ersten kleineren Aufstieg bewältigen. Mir wird‘s mit meiner Regenjacke bereits richtig warm und da der Regen tatsächlich wieder aufgehört hat, entledige ich mich ihrer sehr schnell. Mittlerweile ist es hell geworden und es sieht alles wesentlich freundlicher aus am Himmel als angenommen, bequem lässt es sich in kurzer Hose und Shirt laufen.

Im Karwendeltal sind entlang des wildromantischen Karwendelbaches bis zur ersten Labestation etwa 10 km zurückzulegen. Über uns thronen die gewaltige Pleisen- und Larchetkarspitze mit über 2.500 m Höhe. Gefühlsmäßig kommt mir der Weg eigentlich fast flach vor, dem ist aber nicht so, laut Höhenprofil geht es immer leicht aufwärts. Nach gut einer Stunde haben wir schon die Larchetalm zum Frühstücken erreicht.

So könnte es weitergehen …tut es aber nicht, am Himmel kann man schon sehen wie die Wolken immer bedrohlicher werden und die Gipfel langsam umschließen. Die Strecke legt jetzt auch spürbar an Steigung zu, was sich auch bald auf die Temperaturen auswirkt. Ich lege meine Regenjacke wieder an. Unterhalb des Karwendelhauses hat es sich bereits richtig ungemütlich zugezogen, die Bergspitzen über uns und selbst die Alpenvereinshütte in unmittelbarer Nähe sind im Nebel nur mehr schwer erkennbar. An der großen Brotzeitstation steuere ich als erstes die leckere, warme Kartoffelsuppe an, die auch sonst begeisternde Abnehmer findet. Dazu wird uns u.a. heißer Tee geboten. Aber an der zugigen Zeltstation ist schon empfindlich kalt geworden, trotz Handschuhe komme ich bald ins frösteln.

Auf rustikalen Wegen geht es serpentinenartig runter zum Kleinen Ahornboden. An der dort postierten Station drängen sich gerade viele Läufer unter das Zelt, da wieder ein anständiger Duscher vom Himmel kommt. Einer schnorrt sich ein paar Gummihandschuhe von den Helfern um seine Finger wenigstens etwas vor der Kälte zu schützen. Es hilft nix, ich muss wieder weiter.

Nach einem langgezogenen Schotterfeld geht es wieder auffi. Erst noch relativ komfortabel durch lichte Wälder, aber nach der urigen Ladizalm wird es richtig steil. Eine Gruppe Berliner Jungs muss ihren Kameraden schon mächtig motivieren, damit er überhaupt noch weiter geht. Die letzten 300 Höhenmeter hinauf zur Falkenhütte haben es wirklich in sich. Normalerweise würden wir ja zur Entschädigung mit einem atemberaubenden Panorama auf die vor uns liegenden Ladiderer Wände belohnt, aber da ist heute leider Fehlanzeige, sie sind vollkommen in Wolken gehüllt. Dafür hat es aber wenigsten seit einiger Zeit mal wieder aufgehört zu regnen.

Unterhalb der Falkenhütte können wir uns wieder stärken. Das Verpflegungszelt steht zwar an sehr exponierter Stelle wo es zieht wie Hechtsuppe, aber die Brotzeit ist wieder allererste Sahne. Besonders zu erwähnen wäre die extra dicke Hafersuppe. Die warmen Speisen und Getränke finden bei dem jetzigen Schmuddelwetter nicht nur bei mir am meisten Anklang. Am allerbesten schmecken mir aber die selbstgemachten Riegel. Sie sehen aus wie kleine Florentiner und schmecken beinahe auch so, nur nicht ganz so süß, am liebsten würde ich mir den Rucksack voll einpacken, sie gibt es aber noch an diversen Stationen zum durchfuttern.

Direkt unterhalb der steil abfallenden Laliderer Wände geht es für uns weiter. Die Felswände sind etwa 900 Meter hoch und reichen bis knapp unter die Gipfelbereiche von Laliderer Spitze (2.588 m) und Grubenkarspitze (2.663 m). Aber so weit nach oben können wir heute leider nicht sehen. Nach einem kurzen Aufstieg geht es auf größtenteils winkligen kleinen Trails kräftig bergab bis zur Eng.

Nach dem Zieleinlaufbogen ist wieder eine große Labestation errichtet. Besondere Schmankerl sind der warme Gemüsefond und die kalte Heidelbeersuppe die ich mir nicht entgehen lass. Schon beim Abstieg wurde der Regen am Schluss immer stärker, aber jetzt fängt es hier richtig zu schütten an, außerdem sind erste Donner am Himmel zu vernehmen.

Nach einer ausgiebigen Stärkung nehme ich im strömenden Regen den dritten und letzten Aufstieg in Angriff. Mit 650 hm auf den nächsten 6 km ist er auch der steilste und schwierigste des ganzen Kurses. Um uns blitzt und donnert es in einer Tour. Die Feuchtigkeit dringt jetzt selbst durch meine Regenjacke und meine Hose ist vollkommen durchnässt. Je höher wir klettern umso kälter und ungemütlicher wird es. Meine Hände sind trotz, natürlich fast triefender Handschuhe, nur noch ein Fremdkörper von mir. Als purer Glücksfall hat sich heute ein alter Filz-Trachtenhut von meinem Vater erwiesen, ich habe ihn eigentlich nur gewählt, weil er so gut zu meinem heutigen Alpen-Outfit passt. Er ist vollkommen wasserdicht und hält meinen Kopf unglaublich warm, was ich mir von keiner anderen Kopfbedeckung heute hätte besser vorstellen könnte

Plötzlich reißt mich ein Blitz und unmittelbar danach ein gewaltiger Donnerschlag aus der Lethargie, der kann nicht mehr allzu weit von uns entfernt gewesen sein. Der Regen weicht Hagel- und Graupelschauern, ich muss weiter, weiter und höher, immer unwirtlicher werden die Bedingungen. Aber es wird noch besser, kurz vor Überquerung des höchsten Punktes am Binssattel liegt Schnee, noch nicht hoch, aber nix wie weg von hier.

Auch der Abstieg ist gefährlich und wirklich laufen lassen kann man’s nicht. Einige haben sich die goldene Rettungsdecke oder einen Müllbeutel um den Körper gewickelt und versuchen so ihr Glück. An der Gramaialm-Hochleger genehmige ich mir schnell eine warme Suppe und zwei Becher heißen Tee und weiter geht’s. Ich muss in Bewegung bleiben, mich fröstelts gewaltig, die feuchte Kleidung bereitet kein Vergnügen mehr. Wenigstens geht es immer abwärts.

Die nächste Aufwärmmöglichkeit bietet uns einige Kilometer später die Station an der Gramaialm. Je heißer, je besser das Getränk. Mich fröstelt gewaltig. Von Feuerwasser bin ich eigentlich kein Fan. Warum mir trotzdem „gibt’s an Schnaps?“ rausrutscht, muss wohl an dem zu erwartenden Brennen durch den Körper liegen. „Joa, moagst oan? Kommt wie aus der Pistole geschossen von der freundlichen Helferin und zaubert sofort eine Flasche hervor. Tut gut heute und weiter, in Bewegung bleiben. Über Feldwege und Wiesen mit leichtem Gefälle führt der weitere Weg abwärts.

An der letzten Getränkestation Falzturnalm erfahre ich dass die Veranstaltung abgebrochen wurde. Als der Regen zu Hagel und später sogar zu Schnee wurde, reagierten die Veranstalter und verlegten um gegen 14.00 Uhr das Ziel in die Eng. Hilft mir nix, ich hab noch 4 km vor mir. Schnell einen heißen Tee und weiter, mich friiiiiert’s, ich zittere wie ein Schlosshund. Der Schlussabschnitt führt fast kerzengerade auf einer Teerstraße nach Pertisau. Nach gefühlt unendlich langen drei Kilometern komme ich endlich ins Ziel. Über eine halbe Stunde nach Zielankunft zittere ich in trockenen Klamotten immer noch wie ein Parkinson Kranker. Mein 50. Marathon/Ultra wird mir wohl immer in Erinnerung bleiben.

Lange aufhalten will ich mich im Zielort nicht. Leider, so bekomme ich wenig vom Achensee zu sehen. Aber im Dauerregen ist es einfach kein gemütlicher Aufenthaltsort, ich bin froh als ich im warmen Bus sitze. Eine Stunde soll der Rücktransport nach Scharnitz dauern, daraus werden heute auf der überfüllten Inntalautobahn fast zwei. Bei der Ankunft am Startort um 17 Uhr wache ich auf und die Sonne strahlt mir aus einem blauen Himmel über dem Karwendel entgegen …als ob nichts gewesen wäre.

Karwendelmarsch: mein erster Ultra

Karwendelmarsch: mein erster Ultra

Weiterlaufen oder aufhören? Ich befinde mich an der Verpflegungsstelle in Eng, wo sich zudem das Ziel der 35 km-Wertung befindet, und bin zwiegespalten. Hier könnte ich aufhören und die Quälerei bei mittlerweile sehr heißen Temperaturen hätte ein Ende. Aber damit auch die Vorstellung, meinen ersten Ultramarathon zu finishen. Ich horche in mich hinein, während ich mir zwei Becher Wasser nehme und gierig austrinke. Noch 17 km, in etwa die Hälfte der bisher absolvierten Wegstrecke. Ich pack das schon, rede ich mir zu und laufe schließlich weiter. Direkt in den nächsten Anstieg hinein. Die erbarmungslose Hitze entzieht mir sämtliche Energie. Dazu wird mir übel. Ob das so eine gute Idee war, den Lauf fortzusetzen? Ich bin mir ganz und gar nicht sicher.
Ich nehme am Karwendelmarsch teil, der über 52 km und 2230 Hm von Scharnitz nach Pertisau führt. Es ist mein erster Ultramarathon und dementsprechend nervös bin ich. Schlaf finde ich keinen und döse nur. Aber statt mich darüber zu ärgern, erinnere ich mich daran, dass ein gewisser Triathlon-Olympiasieger von 2008 in der Nacht vor seinem großen Coup auch kaum Schlaf fand. Na also, Schlafentzug vor einem Wettkampf muss nicht unbedingt schlecht sein.
Irgendwann nervt mich das Hin- und Hergedrehe im Bett dann doch und ich stehe auf, um etwas Sinnvolles zu tun: Ich rasiere mich. Nachts um halb drei. Kann man ja mal machen. Dann ist es bald auch schon drei Uhr, drei Stunden vor dem Start, und ich gehe hinunter in den Frühstücksraum. Mein Appetit hält sich in Grenzen, dennoch zwinge ich mich dazu, etwas zu essen.
Die Vorstellung, nach dem Frühstück noch etwas Schlaf zu finden, gebe ich dann auch bald auf und so mache mich für den Lauf fertig. Um fünf Uhr werden zwei weitere Mitstreiter und ich schließlich von Organisator Markus Tschoner abgeholt und nach Scharnitz gebracht, wo der Karwendelmarsch startet.

Ein Kanonenschuss treibt die Meute hinaus
Es ist noch dunkel als wir eintreffen. Eine angespannte, aber erwartungsfrohe Stimmung ist überall um mich herum zu spüren. Am Start blicke ich in andere Gesichter und schaue in Richtung Berge. Ganz leicht lässt sich dahinter die Sonne erkennen. Später soll sie heiß auf uns herunterbrennen. Viele der Teilnehmer werden noch vor der großen Hitze das Ziel in Pertisau erreichen, der Großteil aber wird sich dann im letzten Drittel des Laufs befinden.

Dann ertönt schließlich ein lauter Kanonenschuss – ich muss bizzarerweise an den Ironman Hawaii denken -, die Masse bewegt sich und verlässt kurz darauf Scharnitz. Zunächst nehmen wir auf breitem Schotterweg den ersten Anstieg in Angriff, der uns bald in den Wald führt. Nach einigen Höhenmetern treten wir aus dem Gehölz heraus und durchstreifen eine wunderschöne Hochebene, die von der imposanten Gebirgslandschaft eingerahmt ist. Sanfter Bodennebel umgibt uns Läufer. Die Szene hat etwas Mystisches.

Ich passiere bei km 10 die Verpflegungsstelle am Schafstallboden und gelange kurz darauf zum ersten längeren Anstieg. Nach einigen Kurven erreiche ich den Hochalmsattel auf 1770 m und kann rechter Hand das Karwendelhaus sehen.

Es läuft

Nach 18 km habe ich den Anstieg geschafft, verpflege mich an der Labestation und freue mich nun auf einen großartigen Downhill. Der Schotterpfad schlängelt sich wild bergab und so erreiche ich 5 km später den kleinen Ahornboden, der auf einer Höhe von 1399 m liegt und von der weithin bekannten Birkkarspitze überragt wird. Knapp 25 km habe ich zu diesem Zeitpunkt in den Beinen und fühle mich gut. Ich lächle während ich mir an der Verpflegungsstelle eine Banane in den Mund schiebe und auf das gigantische Bergpanorama blicke. Meine Mutter spricht bei schönen Tagen immer von einem „Dankbar-Tag“. Ich verstehe, was sie damit meint.

Anschließend überquere ich ein ausgetrocknetes Bachbett und folge einem schmalen Waldpfad. Kurz darauf folgt der zweite lange Anstieg, der zwischenzeitlich so steil ist, dass ich nur gehen kann.

Meine Lunge brennt und der Schweiß läuft an mir hinab. Die Sonne knallt mittlerweile aber auch brutal auf uns herunter. Allmählich spüre ich die Belastung ganz ordentlich und hoffe, dass der Anstieg bald geschafft ist. Dann erreiche ich schließlich die Falkenhütte (km 30) auf 1848 m und versorge mich mit Wasser, einer Banane und Wurstbrötchen.

Die Welt ist klein

Ich will gerade weiterlaufen, als ich plötzlich meinen Namen rufen höre. Von der Falkenhütte winkt mir eine Person entgegen und ich erkenne Matthias, meinen Großgroßcousin (oder so ähnlich, bei Familienverhältnissen blicke ich manchmal nicht so richtig durch 😉 ). Ich bin völlig platt. Was macht der Kerl denn plötzlich da? Er kommt zu mir herunter und wir quatschen miteinander. Von oben winkt mir seine Freundin zu. Die Beiden machen einen Kurzurlaub in den Bergen und haben mitbekommen, dass hier ein Lauf stattfindet. Noch immer kann ich es nicht ganz begreifen, so unverhofft irgendwo in den Alpen bekannte Menschen getroffen zu haben. Es gibt schon echt tolle Zufälle! Ich mache zwei, drei Selfies und gebe Matthias das Versprechen, mich nach dem Lauf zu melden.

Mein „Dankbar-Tag“ hat damit eine neue Stufe erreicht und schenkt mir weitere Motivation. Nachdem es kurz bergab ging, führt der Trail nun annähernd flach durch kantiges Felsgestein. Beim Überholen eines Mitstreiters erlebe ich urplötzlich einen Schreckmoment: Mit dem rechten Fuß komme ich so verquer auf dem Untergrund auf, dass ich einen höllischen Schmerz im Fußgelenk verspüre und kurz vermute, das Band könne Schäden davon getragen haben. Bei jedem weiteren Schritt durchzuckt ein Schmerz den Knöchel. Wie paralysiert laufe ich weiter und befürchte plötzlich, dass mein Lauf vorbei sein könnte. Hier und jetzt. Das darf doch bitte nicht wahr sein?! Ist es Gottseidank auch nicht. Nach und nach wird der Schmerz weniger bis er schließlich völlig weg ist. Puh, Glück gehabt!

Ende nach 35 Km?

Mittlerweile machen sich jedoch ganz andere Schmerzen bemerkbar. Bergab nach Eng brennen beide Oberschenkel und jedes Abbremsen tut höllisch weh. Dazu fühlt sich mein ganzer Körper einfach leer und total müde an. Ich tendiere dazu, es in Eng gut sein zu lassen und mein angestrebtes Ultra-Finish zu verschieben. Einige Athleten überholen mich, ehe ich schließlich in Eng (km 35) ankomme.

Und nun, am Rande des urigen Almdorfs, lässt sich die Entscheidung nicht mehr aufschieben. Aufhören oder Weiterlaufen? Wie einfach es doch wäre, wenn es die Option, hier aufzuhören, gar nicht erst gäbe. Dann wäre die Entscheidung klar. Ich kippe mir etwas Wasser über den Kopf und laufe schließlich wie ferngesteuert weiter, ohne die Sache noch einmal genauer zu überdenken. Das mit dem Denken fällt mir bei der Hitze mittlerweile sowieso immer schwerer. Also auf geht’s. Wird schon, nur noch 17 km!

Autsch!

Sofort geht es wieder bergauf und knapp 750 Hm liegen vor mir. Es fühlt sich verhältnismäßig gut an und so erreiche ich über den Schotterweg die Binsalm. Ich verpflege mich und nehme dann den Schlussanstieg unter meine Laufschuhe. Rund 400 Hm habe ich noch vor mir. Und plötzlich, während ich die erste Serpentine des schmalen Pfads laufe, wird mir richtig übel. Ich verlangsame das Tempo und blicke nach oben. Ich sehe kein Ende des Anstiegs. Oh mein Gott, das kann nicht wahr sein! Je weiter ich voranschreite – mittlerweile ein langsames Gehen – verstärkt sich das flaue Gefühl im Magen. Mehrmals halte ich an und versuche ruhig zu atmen. Doch die Atmung lässt sich nicht unter Kontrolle bringen und ich hechele in kurz aufeinander folgenden Stößen. Ich spüre den Puls an meinen Schläfen. Der Schweiß läuft in Strömen an mir herab. Weiter, einfach weiter. Ich passiere einen Wanderer, der mir Mut zuspricht: „Nur noch fünf Minuten, dann ist es geschafft.“ Okay, das schaffe ich, rede ich mir zu. Nach einigen weiteren Serpentinen stehe ich dann tatsächlich auf der Bergkuppe. Auf 1900 m, dem höchsten Punkt der Tour.

Jetzt geht es nur noch bergab. Aber wie es nun einmal so ist, wenn der Körper völlig erschöpft ist, ist auch das Bergablaufen kein Zuckerschlecken. Ganz im Gegenteil. Jeder Schritt tut weh, die Oberschenkel schmerzen und ich habe mir an beiden Fußinnenseiten Blasen gelaufen. Hinzu kommt, dass die Übelkeit nicht nachlässt. Ich erreiche den Gramai-Hochleger (41,5 km) und setze mich an der Verpflegungsstelle auf eine Bank. Wie in Trance stiere ich vor mich hin und den vorbeiziehenden Athleten hinterher. Dann raffe ich mich wieder auf und renne weiter.

Ein wunderschöner Trail, den ich leider nicht angemessen genießen kann, führt hinab ins Falzthurntal und weiter zur Gramaialm. Zu diesem Zeitpunkt habe ich knapp 45 km in den Beinen und bin einfach nur platt. Erneut brauche ich eine Pause und setze mich in den Schatten. Ich blicke einer Wandergruppe hinterher und trinke in Nullkommanix zwei Wasserbecher leer. Wie ich so dasitze und mich elend fühle, bin ich mir gar nicht mehr so ganz sicher, ob ich das tatsächlich noch als „Dankbar-Tag“ bezeichnen würde. Wenn ich doch einfach nur schon im Ziel wäre. Oder wenn ich doch einfach nach 35 km Schluss gemacht hätte. Hätte, wäre, wenn. Die üblichen Gedankenspiele, wenn der müde Kopf den noch müderen Körper nur noch schwer antreiben kann.

Schließlich stehe ich wieder auf und laufe weiter. Bald schon führt der Wiesenweg auf eine Straße, die leicht bergab in Richtung Pertisau führt. Es sind noch 6 km bis ins Ziel. Ich passiere die Falzthurnalm und versuche, wie schon beim Allgäu Panorama Marathon im vorigen Jahr, durchzulaufen und nicht in ein Gehtempo zu verfallen. Das ist so verdammt schwer, wenn einfach jeder Schritt wehtut, und man sich aber trotzdem antreiben muss, nicht anzuhalten.

Mein erstes Ultra-Finish

Ich quäle mich weiter und erreiche Pertisau. Nun sind es nur noch 1,5 km. Ich passiere einige Leute, die mich lautstark anfeuern und renne weiter durch den Ort. Gleich ist es geschafft, ich kann es kaum fassen. Noch einmal biege ich links ab und sehe in einiger Entfernung schon die schillernde Oberfläche des Achensees. Es ist ein überwältigender Anblick.

Dann biege ich in den Zielkanal ein, balle meine Hand zur Faust und überschreite nach 6 h 21 die Ziellinie. Mein erstes Ultra-Finish ist perfekt. In diesem Moment bin ich einfach nur sehr, sehr dankbar für diesen Tag.

Ganz unten und wieder ganz oben

Ganz unten und wieder ganz oben

Als wir uns 2016 kurzentschlossen zum Karwendelmarsch anmeldeten, ging ich am letzten Samstag im August ohne Training und Ahnung, wie lang 52 km sein können, mit 16 Jahren ans Ziel. Zu fünft starteten wir um 6 Uhr und gingen gelassen und mit viel Spaß Richtung Pertisau. An den flachen Stücken erkannte ich schon früh dass mir eher dass laufen Spaß macht. Aber da wir in der Gruppe nicht so schnell vorankamen passte ich mich dem Tempo an. In der Eng mussten wir zu zweit den Rest zurücklassen und gingen den Rest im gleichen Tempo an. Nach 12 Stunden im Ziel war ich zwar sehr erschöpft aber nicht sehr zufrieden über die Zeit.

Der ehrgeiz packte mich und ich trainierte schon früh für den Karwendelmarsch 2017. Da den anderen eine Teilnahme genügte stand ich heuer allein am start. Um 6 Uhr startete ich im vorderen Drittel mit vielen Läufern und konnte bis zum Karwendelhaus sehr gut das Tempo mithalten was mir sehr viel Spaß bereitete. Die Strecken bergab konnte ich noch sehr gut laufen, nur an den Stellen zur Falkenhütte und zum Gramaihochleger ging ich gemütlich um genug Kraft für den Schlusssprint zu haben. Das ständige Auf und ab ist Freude und Qual zugleich. Aber das macht den Karwendelmarsch aus. Von der Gramai hinaus konnte ich nur noch Stellenweise laufen aber als ich die ersten Zuschauer ,die neben der Strecke standen und jeden Teilnehmer anfeuerten, bekam ich wieder Kraft in den Beinen und konnte den Schluss sehr schnell laufen und noch einige Mitstreiter überholen. Der Zieleinlauf bereitete mir sehr viel Gänsehaut und die Schmerzen sind aufeinmal verschwunden.

Als ich sah dass ich 4 1/2 Stunden schneller war wie das Jahr zuvor konnte ich es kaum fassen und war unheimlich glücklich und zufrieden meiner Leistung.

Einen besonderer Dank muss ich aber allen Helfern und dem gesamten Team des Karwendmarsch aussprechen die Jahr für Jahr einen reibungslosen Ablauf ermöglichen.

Ich kann es kaum erwarten bis der Karwendelmarsch 2018 wieder startet

Bilderbuch-Comeback beim Karwendelmarsch

Bilderbuch-Comeback beim Karwendelmarsch

Auf Grund meiner Knieprobleme, die schon ein halbes Jahr andauern, musste ich heuer schon 3 Bewerbe absagen! Der Karwendelmarsch stand gwasi bis zur letzten Minute an der Kippe, soll ich es wagen, oder doch lieber nicht…?? Immerhin konnte ich erst seit 1,5 Monat zuvor schmerzfrei Bergabgehen. Also startete ich, gwasi ohne vorbereitung, doch! Weil der Lauf einfach zu schön ist, um in nicht zu machen!

Als ich ganz gut unterwegs war, merkte ich, dass eine Zeit deutlich unter 6h möglich ist(finishen stand an erster Stelle)! Bei den letzten Kilometern, sah ich das ich sogar schneller sein konnte als letztes Jahr(gefinisht mit 5h19′ heuer) – gwasi unglaublich!! Als es dann wirklich so kam, war ich überwältigt von Emotionen und extrem dankbar, dass das so aufgegangen ist!

Ein Tag, der für mich nach dieser Saison unfassbar ist und einfach nur geil war!

Bis nächstes Jahr👍💪

Thomas