Traum, Euphorie, Blut, Schweiß, Demut...

Beim Karwendelmarsch über 52 Km sowie rund 2281 Höhenmeter jeweils rauf und runter quer durch das Karwendelgebirge von Scharnitz nach Pertisau ordne ich mich direkt hinter die ca. 800 Läufer am vorderen Ende der folgenden 1700 Marschierer ein.

Um 6 Uhr ertönt der Startschuss, die Masse bewegt sich in leichter Dunkelheit. Nach einem ersten Anstieg wird es langsam übersichtlicher, immer mehr verfallen in einen Trabschritt. Das Wetter verführt zum Träumen, keine Wolke, Sonne satt, das Bergpanorama ist einfach gigantisch.

Ich gerate ins Schwärmen. Ein, durch meine MS ganz besonders verstärktes, Gefühl der Freiheit und des „Ich kann es noch“, „Ich darf noch“. Nach 10 Km habe ich knapp einen 7min/Km Schnitt als Zeitbonus für die späteren steilen Abschnitte. Auf einmal war es aus. Ich bekam es gar nicht mit, wie es passierte, aber plötzlich fiel ich nach vorne auf starkem Schotterboden, schlittere noch kurz auf dem Bauch weiter und bleibe dann benommen liegen.
Langsam rappele ich mich hoch. Jemand frägt, wie es mir geht. Ich sehe verboten aus, meine ehemals weiße Windjacke völlig eingesaut mit Staub und Blut. Meine Hände und Knie bremsten wohl am meisten, Ellenbogen, Hüfte und Arme den Rest. Gebrochen habe ich mir nichts, die Knie wohl etwas verprellt.
Das ist eine deutliche Lehre. Genieße dein Glück, es kann so schnell vorbei sein.

Zum Glück hatte ich mir ein Pflasterband mit genommen. Ungeschickt zerreiße ich es in mehrere Streifen, klebe es auf die schlimmsten Wunden, Ende der Euphorie.

Ich rapple mich auf, schlurfe langsam weiter. Das linke Knie muckt etwas, ist aber auszuhalten. Jetzt nehme ich die Stecken, so kann ich mich notfalls auf ihnen abstützen. Manche sprechen mich an, ob es schlimm sei. Ich antworte: Mein Stolz ist verletzt, Rest wird.

Bald wird es steil, ich setze das freigewordene Adrenalin in Vortrieb um. Keuchen, Keuchen, Schieben, es pendelt sich steil bergauf bei 10-11min/Km ein. In mir erwacht der Trotz. Ich akzeptiere die Lektion, doch sie darf keine Ausrede sein das Streben aufzugeben. Wenn das Laufen heute nicht mehr passt, flottes Gehen ist immer noch drin. Es wird wärmer, ich trinke viel, wässere meine Idenixx-Mütze mit eiskaltem Brunnenwasser, das hilft mir über die glühenden Hügel. Nach rund 4,5 Stunden erreiche ich die Falkenhütte, ab jetzt wird es für mich persönlich kritisch. Auf rutschendem Schotter kann ich schon lange nicht mehr, unsicher wackele ich bergab, während andere locker flockig an mir vorbeirennen. Da der Weg jetzt sehr schmal und eng ist, trete ich oft kurz zur Seite. Ich bin erstaunt, wie viele richtig sportliche Jungs und Mädels noch von hinten kommen. Da rede ich mir aufmunternd ein, ganz so langsam kann ich bergauf wohl doch nicht gewesen sein. Trotz meiner ganzen Vorsicht bin ich ab und zu knapp vor dem Hinfallen oder Umknicken, aber meine Stecken retten mich. Die Lust verglüht allerdings in demselben Maße wie sich jetzt in den heißdampfenden Socken mehr und mehr Blasen bilden.

Nach rund 6 Stunden und 35 Km erreiche ich das Zwischenziel in der Eng. Hier dürfte man planmäßig aufhören. Schnell passiere ich die Station, damit ich nicht auf dumme oder doch richtige(?) Gedanken komme.

 

Unser guter Bekannter warnte vor dem folgenden Anstieg, fast 800 Höhenmeter auf 5 Km. „Schaut auf keinen Fall nach oben, nehmt Euch nur Kurve auf Kurve vor“. Ich denke mir, bergauf schreckt mich doch nicht, sehe hinauf und erblasse. „Ach, du grüne Neune“ entfleucht es mir.

Ich fühle mich kreislauf- und kräftemäßig fit, doch irgendwann mag auch ich nicht mehr. „Es geht nur noch bergab“ ruft uns oben die Bergwacht zu. Ich verkneife mir ein „das ist eigentlich ja noch schlimmer“. Die ersten 200Hm bergab läuft es sich ohne Schotter noch ganz gut, dann wird es herb, steil, rutschig. Meine Hände hat es neben den geprellten Knien am Ärgsten erwischt. Die Pflaster lösen sich, ausgerechnet mit ihnen muss ich ja schon die ganze Zeit meine Gehhilfen festklammern. Die Minuten steigen auf 18-25 pro km. Ich versuche es mit Humor, scherze mit Entgegenkommenden, freue mich, als sich andere bedanken, wenn ich sie vorbeilasse, denke wie bei der Challenge Roth am Kanal , also besser gesagt, ich denke gar nichts mehr , schalte ab, konzentriere mich auf den nächsten Schritt, jeden Höhenmeter bergab, weiter, immer weiter.

Ein wackliges Holzbrett über einen Bach nehme ich mit Anlauf, schwanke rüber, die Hoffnung steigt.

Irgendwann ist der heikelste Abstieg geschafft. Jetzt sind es „nur“ noch 9 Kilometer auf vermutlich breiten, leicht fallenden Wegen, Autobahn. Außer den Schmerzen fühle ich mich gut, die Zuversicht wächst mit der Nähe des Ziels. Ich blicke auf die Uhr, rechne hoch. Mein Traumziel SUB 10 ist sogar noch machbar. Ich trabe jetzt mit schwingenden Stöcken, nehme mir Zwischenziele, gehe zwischendurch, reiße andere mit, wie auch ich mich mitreißen lasse. Ich steigere mich fast in einen kleinen Rausch, die Euphorie kehrt zurück. Ich überhole, sammle ein, laufe urplötzlich unter 7, fast 6 min/km Abschnitte, erreiche Pertisau, überquere Straßen, Autos warten, Passanten jubeln, ich fliege(innerlich) ins Ziel, hochzufriedene 9.27 Std.

Auch mein Herzblatt finisht später erfolgreich. Das Schreiben mit den jetzt ordentlich verbundenen Händen fällt nicht ganz so leicht, aber egal, wir haben es wieder einmal geschafft, gemeinsam.

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